Paleo-Diät

Essen wie Familie Feuerstein

Berlin - Viel Fleisch ist gesund - das sagen zumindest die Anhänger der Paleo-Diät. Die stellt alles auf den Kopf, was wir in den zurückliegenden Jahrzehnten über gesunde Ernährung gelernt haben. Jetzt hat in Berlin das erste Steinzeit-Restaurant eröffnet.

In einer Episode der TV-Serie „Familie Feuerstein“ beschließen Fred Feuerstein und sein Freund Barney Geröllheimer in Steintal ein Drive-in-Lokal aufzumachen. Als Erstes schaffen sie zwei Tonnen Dino-Burgerfleisch herbei. Brontosaurus-Burger, Spareribs und Tatar: So stellt man sich die Speisetafel unserer Ururahnen vor, jedenfalls nicht nach dem Geschmack ernährungs- und gesundheitsbewusster Neuzeitmenschen. Umso überraschender ist, dass Steinzeitküche ein Comeback feiert.

Die prähistorische, paleolithische oder einfach Paleo-Diät stellt auf den Kopf, was wir in den zurückliegenden Jahrzehnten über gesunde Ernährung gelernt haben: Statt reichlich Kohlenhydrate und Ballaststoffe sowie mäßig Fett und Fleisch wird zu wenig Kohlenhydraten („Low Carb“) und „täglich Fleisch“ geraten. Auf Getreide-, Milchprodukte und pflanzliche Öle wird ganz verzichtet. Chips und Schokomuffins sind tabu, dafür gibt es Knochen zum Abnagen und Beeren und Nüsse zu knabbern.

Die Philosophie dahinter: Unsere Gene seien noch die unserer Mammutknochen nagenden Vorfahren. Auf Steinzeitküche habe sich unser Organismus in Jahrmillionen perfekt angepasst, wogegen moderne Essgewohnheiten für Menschen schlicht nicht „artgerecht“ seien. Propagiert wurde die These erstmals in den siebziger Jahren. Populär machte sie in den neunziger Jahren unter anderen der amerikanische Ernährungswissenschaftler Loren Cordain von der Colorado State University.

De facto greifen moderne Steinzeitmenschen hinter die Neolithische Revolution zurück, bei der vor rund 10.000 Jahren der Umstieg auf Ackerbau und Viehzucht einen ungeheuren Entwicklungsschub und eine Bevölkerungsexplosion brachte. Die Lebensqualität aber soll nicht unbedingt gestiegen sein. Frühe Ackerbauern sollen krankheitsanfälliger gewesen sein als Jäger und Sammler, zum Teil sogar missgebildet, und Zivilisationserkrankungen sollen damals ihren Ausgang genommen haben.

Die Anhänger der steinalten Küche verzehren beachtliche Mengen auf einmal

Die Paleo-Küche hat ihre Anhänger vor allem unter technisch gut vernetzten Großstadtbewohnern. Auf einschlägigen Internetforen wie marksdailyapple.com oder lifeasaplate.comtauschen sie Paleo-Rezepte aus und laden E-Books wie „Paleo Eating für Modern People“ oder „Recipes für the 21st Century Hunter-Gatherer“ (Rezepte für den Jäger und Sammler des 21. Jahrhunderts) herunter.

Die Anhänger der steinalten Küche verzehren beachtliche Mengen auf einmal und legen dann längere Fastenstrecken ein. Angeblich macht die Diät schlank, fit und – ein Bonuspunkt gegenüber dem rivalisierenden Stamm der Veganer – stark. Von gängigen Kohlsuppendiäten, Milch-Semmel-Kuren oder Saftfasten unterscheidet sich die paleolithische Kur darin, dass sie über das übliche Schlank- und Gesundfasten hinaus Teil eines modernen Lebensstils ist, dem „Cavemen Lifestyle“ oder „Paleo Movement“.

Die „New York Times“ berichtete, der typische „urban caveman“ (urbane Höhlenmensch) arbeite in der Kreativbranche, horte in seinem New Yorker Loft in einem Riesenkühlschrank Schweinerippen und Hammelkeulen und verlasse seinen Schreibtisch zwischendurch, um barfuß um den Häuserblock zu sprinten.

Von den New Yorker Steinzeit-Hipstern setzt sich mittlerweile in Berlin eine kleine Paleo-Community dadurch ab, dass sie den Rückgriff auf steinzeitliche Ernährung schlicht als logische Weiterentwicklung des Biotrends ansieht. Vor zwei Monaten eröffnete mit dem Biorestaurant „Sauvage“ (französisch für: der Wilde) in Berlin-Neukölln das angeblich erste auf „Paleolithic Cuisine“ spezialisierte Restaurant Europas. Mit ockerfarbenen Wänden und einer Menge Kerzen ist das „Sauvage“ eine ziemlich gepflegte Höhle. Wildschwein am Spieß oder Mett in Bottichen sucht man dort vergeblich, dafür gibt es Sellerie im Speckmantel oder auf Salatblättern drapiertes Confit de Faisan. Steinzeit-Cuisine kann paradoxerweise hochzivilisiert sein.

„Muskulös, obwohl ich keinen Sport mache.“

Betreiber des Gourmetrestaurants sind Boris und Rodrigo Leite Poço, kein Brüderpaar, sondern belgisch-brasilianische Eheleute. Die jungen Männer ernähren sich seit mehr als einem Jahr steinzeitlich und schwören darauf. „Erkältungen, Schlappheit mitten am Tag, Herpes oder grundlose Kopfschmerzen kenne ich nicht mehr“, sagt Boris und deutet auf seinen Arm: „Muskulös, obwohl ich keinen Sport mache.“ Einwände, etwa der Hinweis auf die magere Lebenserwartung der Steinzeitmenschen (durchschnittlich 25 Jahre) oder auf den Umstand, dass ein Mammutjäger mehr Energie verbraucht als ein Computerprogrammierer, prallen an Paleophilen ab.

Nicht ohne Ironie ist, dass in einer Gegend Berlins, die vor Kurzem noch als Problembezirk galt, ausgerechnet mit einem kulinarischen Rückgriff auf die Steinzeit die Gentrifizierung vorangetrieben wird. In der Pflügerstraße, in der sich das „Sauvage“ befindet, ist die Dichte an schicken Lokalen inzwischen fast wie am Prenzlauer Berg.

Ein Besuch im „Sauvage“ zeigt, wie charmant und raffiniert moderne Steinzeitküche sein kann. Man vermisst das Getreide gar nicht. Aber wäre auch ein Neandertaler mit Speckmantel um Sellerie oder Confit de Faisan glücklich? Auf dem Jagd- und Speiseplan der Neandertaler im Gebiet des heutigen Nordrhein-Westfalen standen, wie Archäologen herausfanden, immerhin Mammuts, Höhlenbären, Wollnashörner, Rentiere, Wisente­, Wildpferde, Hyänen und Pantherkatzen.

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