Private Briefe vom SS-Chef

„Fahre nach Auschwitz. Küsse, Dein Heini“

+
Foto: Notizen und Briefe Heinrich Himmlers: Sie stammen aus den Fund von Dokumenten, die in Israel aufgetaucht sind und jetzt veröffentlicht wurden.

Hannover - Jahrzehntelang waren sie verschollen – jetzt sind private Briefe von SS-Chef Heinrich Himmler wieder aufgetaucht. Sie zeichnen das Charakterbild eines Spießers, der sich selbst als „rauen Landsknecht“ sah.

Der Deutsche in der abgewetzten Uniform bestand darauf, dem zuständigen Offizier vorgeführt zu werden. Als der schmächtige Mann, den ein britischer Kontrollposten aufgegriffen hatte, dann im Büro von Tom Selvester stand, dem Kommandanten des britischen Vernehmungslagers in Lüneburg, nahm er die Augenklappe ab und setzte seine Brille auf. Leise stellte er sich vor: „Heinrich Himmler.“ Noch am gleichen Tag führten die Briten, die wochenlang nach dem „Reichsführer-SS“ gefahndet hatten, den Gefangenen einem Arzt vor. Als dieser ihm in den Mund griff, zerbiss Himmler die Zyankalikapsel, die er dort versteckt hatte. So starb am 23. Mai 1945 einer der übelsten Massenmörder der NS-Zeit. Seine Leiche wurde irgendwo in der Heide vergraben, an namenlosem Ort.

Wenige Wochen zuvor, am 17. April 1945, hatte Himmler im wohl letzten Brief an seine Familie noch Durchhaltewillen demonstriert: „Es wird, das ist mein fester Glaube, sich doch noch zum Guten wenden“, schrieb er beschwörend: „Der Uralte wird uns u. besonders das brave deutsche Volk behüten und uns nicht untergehen lassen.“ Er schloss mit einer seltsamen Mischung aus trotziger Förmlichkeit und familiärer Vertrautheit: „Heil Hitler! in Liebe Euer Pappi“.

Das Wesen des Massenmörders

Jetzt ist das lange verschollene Schreiben wieder aufgetaucht – in einem Konvolut von rund 700 Briefen und Fotos aus dem Besitz des Mannes, der einer der Hauptverantwortlichen für den Holocaust war. „Welt“ und „Welt am Sonntag“ veröffentlichen derzeit in einer achtteiligen Serie einen Extrakt der Dokumente. Werbewirksam vermarkten sie den Fund als journalistischen Scoop, als „gehobenen Schatz“: Die Entdeckung „enthüllt das Wesen des Massenmörders“, heißt es in einem Leitartikel der „Welt“.

Seit der vermeintlichen Entdeckung der Hitler-Tagebücher 1983 umweht den spektakulären Fund von Dokumenten ranghoher NS-Führer immer der Eishauch des Zweifels. Anders als damals behauptet allerdings heute niemand, dass die deutsche Geschichte nun umgeschrieben werden müsse. Und anders als damals scheint diesmal die Echtheit der Dokumente außer Frage zu stehen. Der abenteuerliche Weg, den diese offenbar hinter sich haben, könnte aber – ganz wie im Fall der gefälschten Hitler-Tagebücher – als Vorlage für einen Film taugen.

Anfang Mai 1945 erreichte die US-Armee das beschauliche Gmund am Tegernsee, wo Familie Himmler das „Haus Lindenfycht“ bewohnte. Himmlers Frau Marga und die Tochter Gudrun waren getürmt. Vermutlich nahmen zwei US-Soldaten die Dokumente aus dem Tresor der Familie an sich. Anfang der achtziger Jahre tauchten sie dann in Israel wieder auf. Mehr als 40 Jahre lang sollen sie im Besitz des Holocaust-Überlebenden Chaim Rosenthal gewesen sein, der sie angeblich unterm Bett verwahrte – womöglich hatte er sie auf einem Flohmarkt in Belgien entdeckt. Sein Versuch, die Briefe zu verkaufen, scheiterte 1984, obwohl das Bundesarchiv ihre Echtheit schon damals bestätigt hatte. Nach der Pleite um die Hitler-Tagebücher hatte niemand daran Interesse.

Fanatischer Judenhasser

Erst 2007 erwarb dann der Vater der Filmemacherin Vanessa Lapa die Papiere vom mittlerweile 90-jährigen Chaim Rosenthal. Die Israelin will ihren Dokumentarfilm „Der Anständige“, der auf den Briefen basiert, bei den Berliner Filmfestspielen vorführen. Parallel zur Veröffentlichung in der „Welt“ bereitet der Berliner NS-Experte Michael Wildt gemeinsam mit der Buchautorin Katrin Himmler, einer Großnichte des SS-Chefs, derzeit eine Edition der Schreiben vor, die im Februar erscheinen soll – man kann nicht sagen, dass der Fund nicht angemessen vermarktet würde.

Aus den bisher veröffentlichten Passagen der zwischen 1927 und 1945 geschriebenen Briefe ergibt sich allerdings nicht die Notwendigkeit, das Bild Himmlers grundlegend zu revidieren. Ein fanatischer Antisemitismus bricht immer wieder durch, was nicht überrascht. Beinahe bieder wirkt Himmler, der auch unter Nazis teils als Inbegriff des spießigen Kleinbürgers galt, an anderen Stellen. Er schickt Grüße von Dienstreisen, notiert persönliche Befindlichkeiten („Reichstag, stinklangweilig“) oder trägt seiner Frau auf, „dem Frätzli einen Extrakuß vom Pappi“ zu geben. Teils überrascht die Wucht, mit der private Banalitäten und historische Monstrositäten hier aufeinander prallen: „Ich fahre nach Auschwitz. Küsse, Dein Heini“, schreibt er einmal.

Fehlende Empathie

Beim genauen Hinsehen jedoch wirkt der scheinbare Gegensatz von familiärer Zärtlichkeit und kalter Brutalität nur noch halb so schroff: „Es fällt vor allem die fehlende Empathie dieses Mannes auf“, resümiert Historiker Wildt. Himmlers Zuneigung zu seiner Frau erschöpfe sich in immergleichen Formeln. Dazu passt, dass Himmler seit 1940 ein Verhältnis mit seiner Sekretärin hatte und zwei Kinder mit ihr zeugte – eine Affäre, die er ideologisch damit überhöhte, dass die „gutrassigen, freien Germanen“ ruhig eine „Friedel-Ehe“ führen dürften, um arischen Nachwuchs zu produzieren.

Interessant ist vor allem, was Himmler in den Briefen verschweigt: Über die Hölle der Konzentrationslager berichtet er kaum. Offenbar stellt er sein Todessystem nie infrage, er reflektiert weder sich selbst noch seine Tätigkeit. Gewissensbisse sind ihm fremd. Da zeigt sich die strenge Kälte eines Mannes, der sich selbst als „in zehnjährigem Kampf hart gewordenen Landsknecht“ charakterisiert und sich in den Briefen immer wieder als „wild“ oder „rau“ beschreibt. Himmler legte durchaus Wert auf seinen Nachruhm: Er suchte Kontakt zu Autoren wie dem Dramatiker Hanns Johst, die ihn begleiten und seine Taten in der Manier antiker Heldenepen verklären sollten. Die jetzt entdeckten Briefe hingegen wurden – anders als beispielsweise die Goebbels-Tagebücher – nie mit dem Hintergedanken abgefasst, dereinst den Deutschen die staatsmännischen Gedanken eines großen Geistes darzubringen. Der „Heini“, der in diesen Briefen aufscheint, kann helfen, Himmler die Aura des Dämonischen zu nehmen. Wenn dieser am Ende schlicht als unmenschlicher Mensch erkannt würde, wäre das ganz im Sinne der Aufklärung.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare