Die Einstiche kommen näher

Forscher erstellen Mücken-Atlas

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Der Mückenatlas soll zwei Fragen beantworten: Welche Arten brüten in welchen Tümpeln in Deutschland? Und welches Unheil könnten sie anrichten?

Hannover - Mittelmeer-Mücken sind in Deutschland auf dem Vormarsch: Forscher erstellen einen Atlas über ihr Vorkommen – mithilfe von Laien.

Doreen Werner hofft auf einen miesen Sommer. Mit viel Regen, das mögen die Mücken am liebsten. Die Wissenschaftlerin will ihre Ausbeute steigern. Am Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung in Müncheberg (Brandenburg) erntet sie Mücken, spießt die Blutsauger auf und kartiert sie. Doreen Werners Forschungsprojekt ist der deutsche Mückenatlas. Nun finden die meisten Menschen eine Mücke auch ohne Atlas, beziehungsweise die Mücken finden sie. Stechen im Schlaf das Bein blutig, setzen sich im Freibad auf die Füße, landen beim Grillen hinterm Ohr und saugen sich satt.

„Jede Mücke ist ein Punkt auf der Landkarte“, sagt aber die Biologin. Das Deutschland der Mücken war ein großer weißer Fleck. Die fiesen Summer waren überall und nirgends, sie waren nicht wirklich gefährlich, und so hatte die Wissenschaft das Interesse an ihnen verloren. Wer will auch freiwillig Gnitzen bestimmen, Kleinstmücken von einem Millimeter Länge? Wer will Kriebelmücken fangen, eine Nadel durch den Brustkorb des Vier-Millimeter-Flügelwesens stoßen, ein winziges Schild danebenkleben und sie zu Dutzenden in einer Schachtel versenken?

Doreen Werner studierte an der Humboldt-Universität in Berlin, kam mit einem Umweg über Australien an den Waldrand in Ostbrandenburg und lässt nun Laien für sich arbeiten. 6000 Mücken sind im vergangenen Jahr bei ihr angekommen. 2000 Menschen haben Doreen Werner und ihren Kolleginnen bei ihrem Projekt geholfen. „Citizen Science“ heißt so etwas, Doreen Werner schmeckt dem fremden Wort einen Moment nach. Diese Bürgerwissenschaft bedeutet, dass dort draußen Enthusiasten unterwegs sind, zehnjährige Jungs mit Kescher, GPS-Gerät und Notizblock, pensionierte Studienräte, Biologiebegeisterte jeden Alters, die einer Mücke nicht mit der Klatsche, sondern mit der Dose zu Leibe rücken und einen Brief mit Insekteninhalt nach Müncheberg schicken.

Brief 97 des Jahrgangs 2013 kommt aus dem Berliner Vorort Kleinmachnow. Vier Mücken haben im Keller eines Einfamilienhauses überwintert und starben dann für die Wissenschaft. Zwei davon sind Stechmücken und damit für Doreen Werners Forscherteam interessant. Mit der Pinzette nimmt Werners Kollegin die Insekten aus der Streichholzschachtel, spießt sie auf, schreibt ein Bestimmungskärtchen. Doreen Werner wird eine Antwortmail nach Kleinmachnow schicken und den Einsendern mitteilen, welche summenden Mitbewohner sie haben.„Was arbeitet deine Mutter?“ „Sie zählt Mückenbeine.“ Ja, das ist ein großer Lacher, sagt die 44-Jährige. Ihre Arbeit gilt unter Biologen als uncool, „uns fehlt der Nachwuchs“, klagt Werner. Nötig aber sei sie weiterhin.

Mücken reisen genauso um die Welt wie Waren und Menschen. Sie kommen als blinde Passagiere, und manchmal bleiben sie. Von einigen Arten weiß man, dass sie Krankheiten übertragen. Kommen auch die Viren nach Deutschland, kann das gefährlich werden. Die Asiatische Tigermücke und die Asiatische Buschmücke haben sich beide am Oberrhein angesiedelt, das wusste man. Dann aber kamen Streichholzschachteln mit Buschmücken aus Bonn nach Müncheberg. Die Forscher fuhren ins Rheinland, suchten sternförmig um die Fundstelle die Friedhöfe ab. Mücken lieben Friedhöfe, in den Blumenvasen und Gießkannen dort beginnen sie ihr Leben. Die Buschmücke, wissen wir jetzt, fliegt auch zwischen Köln und Koblenz herum. Dank des Mückenatlas. Die Einstiche kommen näher. Die Malaria wird zwar nicht wieder in Europa auftreten, sagt die Biologin. Aber es gibt ja noch andere Tropenkrankheiten, die durch Mücken übertragen werden: Denguefieber, Gelbfieber, West-Nil-Virus – „die sind alle nicht mehr weit von uns entfernt“. Denguefieber und Gelbfieber werden von der Asiatischen Tigermücke übertragen, die bereits am Oberrhein nachgewiesen wurde.

Um Krankheiten zu erforschen, ist das Friedrich-Löffler-Institut auf der Ostseeinsel Riems in Vorpommern am Mückenatlas beteiligt. Dort, im Hochsicherheitstrakt, werden die Insekten mit Krankheiten infiziert und dann beobachtet, ob sie diese weitertragen. Denn die Forscher sind verunsichert. Lange glaubte man, nur neue Mückenarten könnten neue Krankheiten bringen. Dann brach 2006 die Blauzungenkrankheit bei Schafen aus – der Virusstamm wurde aus Afrika eingeschleppt, aber die heimischen Gnitzen konnten ihn übertragen. Eine weitere Überraschung folgte: Das Schmallenberg-Virus befiel Rinder und Schafe. Es kam aus dem Nichts, wieder wurde es durch Gnitzen übertragen.

Der Mückenatlas soll also zwei Fragen beantworten: Welche Arten brüten in welchen Tümpeln in Deutschland? Und welches Unheil könnten sie anrichten? Doreen Werner wartet jetzt auf die ersten frischen Mücken des Sommers. Und wie wird das Mückenjahr? Macht nicht der lange Winter dem Forscherdrang einen Strich durch die Rechnung? „Der Winter spielt keine Rolle“, enttäuscht sie alle Hoffnungen auf ein plagefreies Jahr. „Die Mücken haben überwintert, die sind alle da. Es kommt nur auf den Sommer an.“ Hitze oder Regen. Spaß oder Wissenschaft.Der Mückenatlas mit Einsendeformular unter www.mueckenatlas.de.

Jan Sternberg

Wie schützt man sich vor Stichen?

So manches, was der Markt als Mückenschutz bietet, ist völlig wirkungslos. Gesundheitlich unbedenklich sind alte Hausmittel wie Basilikum, Citronella, Tomatenpflanzen und eine mit Nelken gespickte Zitrone. Ihre Wirkung ist jedoch fraglich. Als nutzlos und nervig haben sich strombetriebene Ultraschallgeräte erwiesen. In einem Test am Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg schienen sie Mücken sogar eher anzulocken als abzuschrecken. Den sichersten Schutz vor Stechmücken bieten Moskitonetze und langärmlige, helle Kleidung. Chemische Mittel zum Auftragen auf die Haut, sogenannte Repellents, enthalten Wirkstoffe wie Pyrethrum aus Chrysanthemen und vor allem Diethyltoluamid (DEET). Gegen die in Deutschland heimischen Culex-Arten schützen die meisten hier angebotenen Produkte laut Stiftung Warentest „gut“ bis „sehr gut“. Allerdings werden Repellents geringfügig über die Haut aufgenommen. Eine hohe DEET-Konzentration gilt daher für Säuglinge und Kleinkinder als bedenklich.

vm

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