Massaker

Forscher klären 4500 Jahre altes Verbrechen auf

- Forscher haben das Geheimnis einiger rätselhafter Gräber in Sachsen-Anhalt gelüftet: Mit detektivischer Akribie klärten sie ein 4500 Jahre altes Verbrechen aus der Jungsteinzeit auf.

Der Archäologe hatte schon Hunderte von Skeletten gesehen. Doch als Harald Meller zum ersten Mal in die Gräber blickte, die im Kiestagebau von Eulau bei Naumburg (Sachsen-Anhalt) ans Licht gekommen waren, ging ihm der Anblick doch nahe. In den vier Gräbern waren 13 Tote familienweise beigesetzt worden: „Verwandte blickten sich direkt ins Gesicht, berührten sich mit den Händen“, sagt Meller. „Obwohl zwischen ihnen und uns rund 4500 Jahre lagen, waren das Menschen wie wir – mit denselben Gefühlen, Sehnsüchten und Wünschen.“ Menschen, die liebten, trauerten – und einander totschlugen. Denn die Eulauer Gräber, von der „Times“ zu den „zehn wichtigsten wissenschaftlichen Entdeckungen der Welt“ gezählt, sind Relikte eines brutalen Verbrechens. Und das liebevolle Arrangement der Toten kommt einer Anklage gleich.

Seit die Gräber 2005 gefunden wurden, arbeiten Forscher mit detektivischer Akribie daran, den 13 Toten ihre Geheimnisse zu entlocken. Der Anordnung der Knochen nach wurden alle zur gleichen Zeit bestattet. Im Lendenwirbel einer Frau steckte noch eine Pfeilspitze. Das Geschoss muss die Bauchdecke durchschlagen haben, die Frau verblutete wohl binnen weniger Minuten. Kinder hatten Löcher im Hinterkopf, als wären sie auf der Flucht erschlagen worden. Andere Skelette wiesen unverheilte Brüche an den Handknochen auf – die Männer hatten wohl kurz vor ihrem Tod versucht, Axthiebe abzuwehren: „Schnell war klar, dass sie durch einen grausamen Gewaltakt aus dem Leben gerissen worden waren“, sagt Harald Meller, der Leiter des Landesamtes für Denkmalpflege in Halle. Ein Massaker in der Jungsteinzeit.

Archäologen lesen in Gräbern und Gebeinen oft wie in einem Buch – und so puzzelten Mellers Kollegen gemeinsam mit Anthropologen, Naturwissenschaftlern und sogar Profilern des Bundeskriminalamtes Stück für Stück ein Mosaik vom Leben und Sterben der Eulauer Steinzeitmenschen zusammen. Auffällig war, dass dort fast nur Frauen und Kinder bestattet waren. Die beiden einzigen Männer waren zwar kräftig, was auf große körperlichen Belastungen schließen lässt, doch aufgrund älterer Verletzungen waren beide wohl auch gehandicapt. Möglicherweise waren die jungen, kräftigen Männer der Gruppe gerade unterwegs, als das Dorf der Ermordeten Ziel eines feigen Überfalls wurde.

Nur gut hundert Meter von den Gräbern fanden die Forscher Spuren von Häusern. In dem Weiler lebten wohl etwa 40 Menschen, bauten Getreide an, webten Kleider. Offenbar hatten die Überlebenden nach ihrer Heimkehr die Leichen gefunden und unweit ihres Dorfes bestattet. Sie wollten die Toten in ihrer Nähe haben. Neben Äxten und Halsanhängern aus Tierzähnen gaben sie ihnen Schweinefleisch mit ins Grab – die Dorfbewohner hielten also Vieh. An den Knochen der Erschlagenen hatten indes noch keine Tiere genagt. Also waren diese bald entdeckt und beigesetzt worden. Und zwar von Menschen, welche die Familienverhältnisse der Toten genau kannten.

Der Frau mit der Pfeilspitze im Wirbel zum Beispiel legten die Überlebenden ihre etwa fünfjährige Tochter an die Seite. Die Gesichter waren einander zugewandt, die Arme berührten sich – ein Zeichen inniger Verbundenheit. DNA-Analysen bestätigten, dass die Toten jeweils familienweise bestattet wurden; die Körperpositionen bildeten dabei den Verwandtschaftsgrad ab. Im „Grab 99“ etwa lagen Vater, Mutter und zwei Kinder paarweise beieinander. „Offenbar wollten die Überlebenden eine kodierte Botschaft hinterlassen“, sagt Meller. Die Botschaft von Grab 99 zumindest wirkt familienpolitisch heute eher konservativ: Nach DNA-Untersuchungen dürfen die vier Skelette im Kies als älteste bislang bekannte Kernfamilie der Welt gelten. Die Kleinfamilie, oft als bürgerliche Erfindung des 19. Jahrhunderts gescholten, hat also eine Tradition, die bis in die Eulauer Jungsteinzeit zurückreicht.

In diesem Gebiet rangen vor 2500 Jahren verschiedene Kulturkreise um die Vorherrschaft. Starben die Getöteten, die zum Kreis der „Schnurkeramiker“ zählten, also in einem blutigen Verteilungskrieg um Land und Siedlungsraum? Waren Sie Opfer eines Kampfes der Kulturen? Eines Völkermordes en miniature? Das alles ist nicht ausgeschlossen, doch die sogenannte Strontium-Isotopenanalyse legt noch einen anderen Schluss nah.

Zeitlebens nehmen Menschen mit der Nahrung Strontium auf, das der Körper dann in den Knochen speichert. Weil das Verhältnis der Strontiumisotope dabei von der lokalen Bodenbeschaffenheit abhängt, werden die Gebeine dabei zu einer Art Archiv: Die Analyse ergab, dass die toten Kinder von Eulau in dem Gebiet aufgewachsen waren, wo sie auch starben. Die Frauen hingegen hatten ihre Kindheit anderswo verbracht und waren später zum Wohnort der Männer gezogen, wo die gemeinsamen Kinder dann aufwuchsen. Die Forscher sprechen von Außenheirat („Exogamie“) und „Patrilokalität“. Und genau das führte die Forscher zu einem weiteren möglichen Motiv für das Gemetzel. Die Strontiumwerte der Frauen passen zu Werten, wie sie unter anderem am Harzrand gemessen wurden. Etwa dort, 70 Kilometer nördlich von Eulau, siedelten Clans der „Schönfelder Kultur“. Möglicherweise war das Massaker ein Racheakt dafür, dass Schönfelder-Frauen zu den konkurrierenden „Schnurkeramikern“ übergelaufen waren. „Auch die Hiebverletzungen passen zu den typischen Steinbeilen der ,Schönfelder Kultur‘, sagt Archäologe Meller. Ein weiteres Indiz: Die Schönfelder verwendeten breite Pfeilspitzen aus Feuerstein – wie die im Wirbel der toten Frau.

Dass Täter und Opfer einander kannten, könnte zumindest die Brutalität des Gemetzels erklären. Moderne Kriminalisten sagen, dass die schlimmsten Gewalttaten sich unter Menschen ereignen, die miteinander vertraut sind. Vielleicht sind uns die Steinzeitmenschen auch in dieser Hinsicht sehr ähnlich.

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