Verseuchte Erde

Giftcocktail gefährdet Millionen Menschen in China

+
Nach Studien: Rund ein Fünftel von Chinas Agrarland ist verseucht.

Peking - Smog, verseuchte Gewässer und jetzt vergiftete Böden: Eine Regierungsstudie schockt China. Ein Giftcocktail lauert in der Erde. Aber die Behörde verschweigt Ortsangaben. Experten schlagen Alarm.

In Chinas Böden lauert eine Gefahr, die den giftigen Smog in den Metropolen noch übertreffen könnte. Chinas Umweltschutzbehörde ließ für eine riesige Erhebung von 2005 an neun Jahre lang die Qualität der Erde im ganzen Land untersuchen. Die Veröffentlichung der Ergebnisse aber wurde im vergangenen Jahr kurzfristig abgesagt - und der Bericht zum Staatsgeheimnis erklärt. Nun wurde der Druck der Bevölkerung zu groß: Die Behörde legte auf fünf Seiten eine alarmierende Zusammenfassung der Daten vor.

Die Zahlen sind dramatisch: Rund ein Fünftel von Chinas Agrarland ist verseucht. Zu dem Giftcocktail gehören Kadmium, Nickel und Arsen. Verseuchtes Essen könne im ganzen Land im Umlauf sein, befürchtet die Giftexpertin von Greenpeace in China, Wu Yixiu. "Das ist sehr alarmierend, was die Lebensmittelsicherheit angeht", sagt Wu der Nachrichtenagentur dpa in Peking. Vermutlich lebten und arbeiteten Millionen Menschen auf hochgiftigem Boden, ohne es zu wissen.

Bislang lässt die Behörde die Bevölkerung im Dunklen darüber, in welchen Regionen die Böden hochbelastet sind. "Die Orte müssen der Bevölkerung umgehend mitgeteilt werden", fordert Expertin Wu. Sonst könnten sich die Menschen nicht schützen. "Gift im Boden ist unsichtbar."

Die Böden könnten zudem weit mehr Gift enthalten als nun bekanntgeworden, befürchtet Wu. "Die Mitteilung ist sehr kurz und vage", sagt sie. Die Werte lägen weit höher als die in bisherigen Veröffentlichungen von Regierungsstellen. Trotzdem seien sie sehr ungenau, weil die Ermittler nur je eine Probe pro 54 Quadratkilometer Land genommen hätten.

Verschmutze Erde ist für Chen Tongbin von der chinesischen Akademie der Sozialwissenschaften eine besondere Gefahr. "Im Vergleich zu Luft und Wasser lässt sich verschmutze Erde schlechter kontrollieren", zitiert ihn die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua. Menschen in verseuchten Gebieten seien sehr gefährdet. Das Gift im Boden werde nicht nur von Pflanzen aufgenommen, es verseuche auch das Grundwasser, warnt Forscher Chen.

Die immense Umweltverschmutzung ist vielfach der Preis für Chinas gewaltiges Wirtschaftswachstum. "Die Hauptquellen der Verschmutzung sind Industrie und Landwirtschaft", heißt es in der Zusammenfassung der Behörde. Industrieabfälle und Minen seien für einen großen Teil der vergifteten Böden verantwortlich.

Sollten die hochbelasteten Gebiete doch noch bekanntwerden, wird es neue drängende Fragen geben: Was bedeuten die Daten für die Bewohner? Wird es Umsiedelungen geben? Und: Werden die verantwortlichen Firmen zur Rechenschaft gezogen? Experten sind skeptisch. China hat zwar strenge Umweltvorschriften. Viele Unternehmen hielten sich aber nicht daran, da die Strafen zu gering seien, klagt Umweltschutz-Professor Zhang Shiqiu von der Universität Peking. "Illegale Verschmutzung ist viel billiger, als sich an alle Gesetze zu halten."

dpa

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare