Abitur in China

Der harte Weg zum Studium

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Foto: Lernen fürs Studium: Chinesische Schüler lernen für die Eignungsprüfungen an den Universitäten, die Anfang Juni stattfinden.

Peking - „Gaokao“: Schon der Name der chinesischen Abiturprüfung macht Schülern Angst. Zur Prüfungszeit hält das Riesenreich den Atem an. Aber Pädagogen kritisieren den gnadenlosen Test und fordern Reformen.

Es ist eine Prüfung, die China in einen Ausnahmezustand versetzt. Bauarbeiten in der Nähe von Schulen werden gestoppt. Die Zettel mit den Fragen werden in gepanzerten Fahrzeugen angeliefert und von bewaffneten Sicherheitsleuten bewacht. Chinas Eingangsprüfung für Hochschulen heißt „Gaokao“, was so viel wie große Prüfung bedeutet. Sie gilt als härtestes Abitur der Welt. Das Ergebnis entscheidet, wer es auf die Elite-Universitäten schafft – oder wer gar keinen Studienplatz bekommt. Am Freitag geht es los.

Die Provinz Jilin geht dieses Jahr mit besonders strengen Kontrollen gegen Schummler vor. Die Behörden kündigten auf ihrer Internetseite einen „stillen Gaokao“ an. Das bedeute, dass alle Schüler vor dem Prüfungsraum einen Metalldetektor passieren müssten, und er unter keinen Umständen piepen dürfe. Selbst kleinstes Metall könnte Alarm schlagen - etwa die Metallverschlüsse von BHs, warnten Lehrer ihre Schülerinnen. Und Schüler mit implantiertem Metall wie Herzschrittmachern sollten ein ärztliches Attest mitbringen.

Der Druck auf die Schüler ist immens. „China hat vermutlich den stärksten Wettbewerb um Studienplätze auf der ganzen Welt“, sagte der Bildungsforscher Lao Kaisheng von der Normal University in Peking der Nachrichtenagentur dpa. Vergangenes Jahr gingen mehr als neun Millionen Schüler nach offiziellen Angaben zum Gaokao. Es gibt aber nur Studienplätze für knapp sieben Millionen Studierende. Schon wenige Punkte in der Prüfung können den Unterschied zwischen einer renommierten und einer Mittelklasse-Universität ausmachen.

„Ich habe meinen Sohn schon seit ein paar Wochen nicht mehr gesehen“, sagt ein Vater in Peking wenige Tage vor der Prüfung. Sein Sohn sei zum Intensivunterricht bei seinem Lehrer. „Er wohnt mit ein paar anderen Schülern zusammen, damit sie sich besser vorbereiten können.“ Alles soll perfekt laufen. Nichts darf einer guten Note in die Quere kommen. „Es ist der Endspurt in den Vorbereitungen“, fasst der Vater die Lage zusammen.

Es gibt aber auch Wege, um Bonuspunkte zu bekommen. Sie habe es nur mit Hilfe der Extrapunkte für ethnische Minderheiten auf die Pekinger Eliteuniversität geschafft, erzählt eine Studentin. „Ich habe irgendwo in der Familie Verwandte von einer Minderheit. Das hat gereicht. Jetzt steht es in meinem Pass und ich habe bei meiner Prüfung den Bonus bekommen“, sagt sie.

Bildungsforscher Lao sieht Handlungsbedarf für die Behörden: „Das System muss definitiv geändert werden.“ Das sei aber leichter gesagt als getan. „Zum Beispiel haben Schüler auf dem Land schlechtere Möglichkeiten als ihre Altersgenossen in den Städten“, sagt Lao. Gäbe es einfachere Prüfungen für Schüler von Land, würde das System damit nicht automatisch besser. Außerdem seien pauschale Bonuspunkte für Minderheiten ungerecht, solange sie anderen Schülern die Plätze wegnähmen. Die Behörden sollten mehr Geld in die Hand nehmen und zusätzlich Studienplätze für benachteiligte Gruppen schaffen.

Der harte Konkurrenzkampf um die wenigen Plätze und zunehmend schlechtere Jobchancen halten manche Schüler auch ganz vom Gaokao ab. „Meine Noten kommen nicht an die meiner Klassenkameraden ran“, sagt Feng Sufei im chinesischen Radio. Ihre Eltern sind Wanderarbeiter in der Provinz Jiangsu. „Selbst wenn ich den Gaokao bestehen könnte, wäre ein Studium vergeudete Zeit und würde eine große Belastung für mich und meine Familie bedeuten.“ Es sei besser für sie, selbst Geld zu verdienen. Sie werde eine Ausbildung in einer Fabrik machen.

Liu Baocun, Professor an der Normal University in Peking, sieht jedoch die Bedeutung des Gaokao ungebrochen. „Das ist kein Trend“, sagt er über die Gaokao-Verweigerer. Dieses Jahr sei die Jobsuche für Universitätsabsolventen zwar sehr schwer. „Auf lange Sicht ist der Gaokao aber zentral für die Karriere und Jobsuche.“

dpa

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