Kardiologen tagen in München

Herzkrankheiten nehmen zu

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Im Ultraschall, Stressecho und Spiroergometrie erkennt der Kardiologe besser als zuvor, was dem Patienten hilft, seine Gesundheit zu erhalten oder wiederherzustellen.

München - Herz-Kreislauferkrankungen sind die Todesursache Nummer eins. Gut 40 Prozent der Menschen sterben daran. Zum Europäischen Kardiologenkongress kommen 30.000 Teilnehmern nach München.

Sie sind jung, topfit, trainiert, ärztlich betreut - und brechen plötzlich tot zusammen. Der Herztod trifft immer wieder auch Höchstleistungssportler. Die Fälle von Italiens Fußball-Profi Piermario Morosini, Rumäniens Stürmer Henry Ihelwere Chinonso und Norwegens Schwimm-Weltmeister Alexander Dale Oen schockten erst kürzlich die Sportwelt. Kardiologen gehen davon aus, dass es in solchen Fällen oft eine unerkannte Herzerkrankung gab. Strategien gegen plötzliche Todesfälle sind neben neuen diagnostischen Verfahren, Therapien und weiteren Fragen Thema beim Kongress der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie (ESC). Vom 25. bis 29. August werden 30.000 Teilnehmer aus 150 Ländern in München erwartet.

Bis heute ist der Herztod mit 40 Prozent häufigste Sterbeursache. Dabei gibt es bei Medikamenten, aber auch bei „Ersatzteilen“ wie Herzklappen und Schrittmachern massive Fortschritte. Die Sterblichkeit bei Herz-Kreislauferkrankungen sank in den vergangenen 30 Jahren um etwa 70 Prozent. Ein Herzinfarkt ist laut Prof. Eckart Fleck vom Pressekomitee des ESC bei rechtzeitiger Behandlung nur noch in vier Prozent der Fälle tödlich - früher waren es 20 Prozent. „Das ist ein dramatischer Rückgang. Leider gilt er nur für diejenigen, die man rechtzeitig erreicht. Wenn man mehr Aufklärung hätte, wäre eine noch effektivere Behandlung möglich“, sagt der Direktor der Kardiologie am Deutschen Herzzentrum in Berlin und Sprecher der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie (DGK).

Noch immer nehmen viele Infarktsignale wie Schmerzen in der Brust, Unwohlsein und Atemnot nicht ernst - und noch immer wissen viele nicht, dass sie überhaupt ein krankes Herz haben. Sie sind besonders gefährdet. Gerade im Leistungssport herrscht vielerorts die Ansicht:Wer so große Leistung bringt, ist kerngesund. Angeborene Herzschäden wie eine Verdickung des Herzmuskels oder eine Herzmuskelentzündung nach verschlepptem Infekt bleiben oft unentdeckt. „Das ist für uns sehr überraschend und es ist fast unbegreiflich, dass ein 26 Jahre alter Weltmeister solch ein ernstes Herzproblem haben konnte“, sagte der Mannschaftsarzt von Alexander Dale Oen, als der Schwimmer im Juni im Trainingslager an einem Infarkt durch eine verstopfte Arterie starb.

„Das Wichtigste ist für Leistungssportler, dass sie gut untersucht sind“, sagt die Chefärztin der Kardiologie am Klinikum München-Bogenhausen, Ellen Hoffmann. Sie betreut mit ihren Ärzten auch die Eishockeynationalmannschaft der Damen und den U18-Nachwuchs und steht allen Eishockey-Nationalspielern in internistisch-kardiologischen Fragen zur Seite. Auch müssten die Sportstätten mit Defibrillatoren ausgerüstet werden.

Eine rasante Entwicklung gibt es bei implantierbaren Defibrillatoren, die bei gefährdeten Menschen den Herztod verhindern sollen. Die Geräte schalten sich bei lebensbedrohlichen Rhythmusstörungen sofort ein und stellen den normalen Herzrhythmus wieder her. „Am Anfang waren das ziemlich große Geräte, heute sind die Kästchen so klein wie Schrittmacher“, sagt Hoffmann.

Bildgebende Verfahren können Patienten oft belastende Eingriffe für Untersuchungen ersparen. Wo früher ein Katheter über die Vene ins Herz geschoben wurde, um den Zustand dort zu erfassen, können die Ärzte heute auf Magnetresonanzaufnahmen oft sogar mehr erkennen.Die Medizin ist bei den Herz-Kreislauferkrankungen im Wettlauf mit der demografischen Entwicklung. Mit immer höherem Alter steigen die Krankheitsrisiken, zum Beispiel für Vorhofflimmern. Bei dieser häufigsten Rhythmusstörung werde bis 2050 mit einer Verdopplung der Patientenzahl gerechnet, sagt Hoffmann. „Vorhofflimmern ist mit ein bis zwei Prozent Betroffenen in der Bevölkerung schon jetzt eine Volkskrankheit.“ Es ist nicht lebensbedrohlich, steigert aber das Schlaganfallrisiko.

Ein weiterer Grund für die Zunahme von Herzkrankheiten: Kranke Menschen überleben dank moderner Medizin, bleiben aber lebenslang Patienten. Die Diagnostik im Mutterleib ermöglicht sofortige Eingriffe am Neugeborenen - mit winzigen Instrumenten. „Es gibt sogar bei sehr komplexen Herzfehlern Reparaturschritte, so dass diese Menschen ganz normal das Erwachsenenalter erreichen und auch normal leistungsfähig sind“, sagt Fleck. „Vertauschte Herkammern, fehlende Klappen oder Löcher an Stellen, wo sie nicht hingehören - das kann man heute reparieren.“ Weil den ganz Kleinen nicht eine Herzklappe in Erwachsenengröße eingesetzt werden kann, sind oft weitere Eingriffe nötig. „Die Dauerbetreuung bedeutet eine hohen Aufwand. Das zu leisten kennzeichnet ein gut entwickeltes Gesundheitssystem.“

dpa

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