Medizin

Hormonpräparat macht Diabetes-Kranken Hoffnung

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Laut Statistik leben in Deutschland rund sieben Millionen Diabetiker.

Hannover - In der Diabetes-Therapie werden neue Medikamente dringend gesucht. Jetzt macht ein neues Hormonpräparat den Betroffenen Hoffnung.

Eine Kombination aus zwei Darmhormonen könnte die Diabetesbehandlung in Zukunft effektiver machen. Wissenschaftler des Münchener Helmholtz Zentrums und der amerikanischen Indiana University hatten das Doppelmolekül bereits erfolgreich an Mäusen, Ratten und Affen getestet. Nun hat auch eine im Fachmagazin „Science Translational Medicine“ veröffentlichte Studie mit Diabetikern die positiven Wirkungen des Mittels bestätigt. „Von der Kombination erhoffen wir uns mehr Effektivität bei der Behandlung von Diabetes und eventuell auch bei Übergewicht“, sagt Prof. Matthias Tschöp, Leiter des Instituts für Diabetes und Adipositas am Helmholtz-Zentrum München. Das neue Medikament basiert auf den beiden Darmhormonen GLP-1 und GIP. Isst der Patient Zucker, sorgen diese Hormone dafür, dass seine Bauchspeicheldrüse mehr Insulin ausschüttet, damit der Blutzuckerspiegel sinkt. Gleichzeitig verbessern sie die Fettverbrennung und verzögern die Magenentleerung, sodass der Patient sich schneller satt fühlt.

Seit 2007 sind zwar bereits sogenannte GLP-1-Analoga zur Blutzuckersenkung auf dem Markt. Sie imitieren das natürliche Darmhormon GLP-1, können jedoch nicht alle genannten Stoffwechselprozesse beeinflussen. Deshalb haben die Münchener Forscher Tschöp und Brian Finan nun gemeinsam mit ihrem US-Kollegen Richard DiMarchi das GLP-1-Peptid mit dem GIP-Peptid vereint – dem zweiten Hormon, das bei der Regulierung des Blutzuckers eine Rolle spielt. In ihrer sechswöchigen klinischen Studie mit 53 übergewichtigen Typ-2-Diabetikern zeigte sich, dass die Patienten, die das neue Medikament bekamen, mehr Insulin ausschütteten und bessere Blutzuckerwerte hatten als die Teilnehmer der Kontrollgruppe. Auch die Nebenwirkungen waren geringer als bei den bisher verfügbaren Medikamenten.

„Es ist eine clevere Idee, zwei solche Peptidhormone aneinanderzukleben“, sagt auch Prof. Andreas Fritsche, Pressesprecher der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG). Er merkt allerdings an, dass das neue Präparat in der Studie beim Menschen nicht gegenüber den bereits verfügbaren GLP-1-Analoga getestet wurde. „Das Mittel muss hier beim Diabetespatienten seine Überlegenheit auch gegenüber dem Hormon GLP allein zeigen“, betont er. „Dann ist es erst ein richtig großer Wurf.“ Dennoch gehört auch nach Fritsches Ansicht die Zukunft den Kombinationspräparaten – denn jeder Diabetes und jede Diabetesbehandlung sind individuell. Immer häufiger wird etwa eine Kombination aus Insulin und GLP-1 verschrieben. „Es gibt Menschen, die nehmen unter Insulin stark zu“, erklärt Fritsche. Bei ihnen bremst bereits GLP allein den Gewichtsanstieg. Und die neue Kombination kann womöglich noch effektiver sein.

Gleichzeitig lindern die Darmhormone ein weiteres Problem in der Diabetestherapie: die nächtliche Unterzuckerung. Hat ein Patient etwa wegen falscher Dosierung des Insulins auf einmal zu wenig Zucker im Blut, kann das tödlich sein. Da GLP-1 im Gegensatz zum Insulin einen niedrigen Blutzuckerspiegel nicht weiter senkt, erspart es den Patienten die Angst vor der sogenannten Hypoglykämie.

Wenn er einen Wunsch frei hätte, würde sich der Stoffwechselexperte ein Medikament wünschen, das schon in der Frühphase des Diabetes eingreift und die Beta-Zellen in der Bauchspeicheldrüse schützt. Diese produzieren beim gesunden Menschen das Insulin, verlieren aber beim Typ-2-Diabetiker nach und nach ihre Funktion. Diabetesforscher nehmen inzwischen an, dass chronische Entzündungsvorgänge die Zellen immer mehr schädigen. Inwieweit entzündungshemmende Medikamente womöglich auch Diabetikern helfen könnten, sei aber noch nicht ausreichend erforscht, sagt Frische.

Laut Statistik leben in Deutschland rund sieben Millionen Diabetiker. Weltweit sind knapp 300 Millionen Menschen an Diabetes erkrankt, davon 90 Prozent an Typ-2-Diabetes und zehn Prozent am ererbten Typ-1-Diabetes.

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