Vatikan

Vor 20 Jahren rehabilitiert Rom Galilei

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Foto: Vor 20 Jahren erst rehabilitierte Johannes Paul II. den großen Galileo Galilei, der das Weltbild der Kirche umgestürzt hatte.

Rom - Jahrhunderte brauchte die katholische Kirche, um einen bösen Irrtum auszumerzen. Vor 20 Jahren erst rehabilitierte Johannes Paul II. den großen Galileo Galilei, der das Weltbild der Kirche umgestürzt hatte.

Die Mühlen der kirchlichen Justiz in Rom mahlen mitunter langsam. Mehr als dreieinhalb Jahrhunderte mussten erst vergehen, bis der Vatikan mit dem einstigen Ketzer Galileo Galilei 1992 seinen Frieden machen konnte. Immerhin 13 Jahre waren zuvor noch notwendig gewesen, um die Arbeit der von Papst Johannes Paul II. im November 1979 eingesetzten Kommission zu beenden, die den bekannten toskanischen Gelehrten aus Pisa rehabilitieren sollte. Karol Wojtyla nahm den 100. Geburtstag des genialen Albert Einstein zum Anlass, den „Fall Galileo“ überprüfen zu lassen. Was lange währt, währt endlich gut? Die späte Gerechtigkeit für Galilei ließ einige Fragen offen.

„Merkwürdigerweise zeigte sich Galilei als aufrichtig Glaubender weitsichtiger als seine theologischen Gegner“, so hält Johannes Paul II. in seiner historischen Wiedergutmachungsrede am 31. Oktober 1992 an der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften fest. Und er zitiert Galilei aus einem Brief: „Wenn schon die Schrift nicht irren kann, so können doch einige ihrer Erklärer und Deuter in verschiedener Form irren.“ Auch das wollte der polnische Papst aus der Welt schaffen, wenn auch nicht ganz: Enttäuscht waren manche darüber, dass Johannes Paul II. meinte, Galileis Richter hätten „in gutem Glauben“ gehandelt bei ihrem Prozess gegen ihn. Absolution so auch für die Inquisition?

Und worum ging es vor bald 400 Jahren? Galilei, der äußerst begabte Naturwissenschaftler, Mathematiker und Philosoph, Sohn eines Musikers aus einem pisanischen Patriziergeschlecht, begründet die moderne Astronomie. Mit einem von ihm selbst verbesserten Fernrohr aus Holland weist der begeisterte Astronom und Tüftler die Strukturen der Milchstraße und der Mondoberfläche nach, entdeckt die ersten vier Jupiter-Monde und widmet sich den Sonnenflecken. Das alles gefällt dem damals übermächtigen Vatikan sehr. Die päpstlichen Gelehrten schätzen ihn - bis der unbeirrbare Galilei das Weltbild der Kirche einstürzen lässt. Die glaubt noch, dass sich alles um die Erde dreht.

Galilei (1564-1642) hatte es mit seinem intensiven Blick in das Sonnensystem geschafft, das wissenschaftlich zu beweisen, was von Nikolaus Kopernikus bereits 1514 als Theorie aufgestellt worden war: Die Sonne ist der Stern unseres Systems, um den sich alle Planeten drehen, also auch die Erde. Das heliozentrische Weltbild. Dieses scheint gegen die Bibel zu stehen, ein Dominikanermönch denunziert Galilei deshalb 1615. Das päpstliche Inquisitionsgericht verurteilt die Abkehr vom „ptolemäischen Weltbild“ als Irrtum, verbietet Galilei die Verbreitung und setzt die Kopernikus-Schrift auf den Index. Doch der toskanische Astronom lässt nicht locker. Er studiert weiter das Sonnensystem und landet so zum entscheidenden Showdown vor Gericht.

Diesmal bringen ihn die Jesuiten vor die vatikanische Justiz. Das Inquisitionsgericht urteilt dann 1633, er müsse abschwören. Offen ist, ob Galilei, zunächst zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, die ihm abgetrotzte Abschwörung mit dem berühmten Spruch quittiert hat: „Und sie (die Erde) bewegt sich doch!“. Immerhin ist Papst Urban gnädig genug, die Haftstrafe in eine Art Hausarrest umzuwandeln: Der ketzerische Wissenschaftler wird auf seinen Landsitz in Arcetri bei Florenz verbannt. 77-jährig stirbt der erblindete Spitzen-Physiker, der das Weltbild revolutioniert hatte, dort am 8. Januar 1642.

„Jahrhunderte nach Galileis historischem Triumph“ wolle sich die Kirche also mit der Wissenschaft versöhnen, so meinte der „Corriere della Sera“ vor 20 Jahren ironisch. „Nie wieder ein Fall Galilei“, gefordert von Johannes Paul II., der Weltoffenheit und Weiterbildung erreichen wollte, bleibt eine Hoffnung. Auch ein Papst kann sich in derartigen Fragen schließlich irren. So wie Pius XII., der 1952 Darwins Evolutionstheorie nur als Hypothese gelten lassen wollte. Konflikte entstehen, wenn eine enge Auslegung der Heiligen Schrift mit den wissenschaftlichen Erkenntnissen kollidiert. Kein Wunder, dass es Papst Benedikt XVI., diesem intellektuellen Theologen, vor allem dieses Spannungsfeld zwischen Glauben und Vernunft angetan hat.

dpa

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