Mangelernährung bei Senioren

Kein Appetit aufs Leben

+
Nicht nur Toast. Gesunde Ernährung ist für Senioren wichtig.

Hannover - Wenn es nur noch Marmeladenbrot gibt: Experten warnen vor Mangelernährung bei Senioren. Dabei ist eine gesunde Ernährung im Alter sehr wichtig. Ein Überblick.

Für die Gesundheit gibt es viele Marker: Laborwerte, Herzkurven, Pulsrhythmus, Lungenvolumen – und den Kühlschrank. Vor allem bei Senioren zeigt der Kühlschrank an, wie es um die Ernährung bestellt ist. „Wenn nur Marmelade und Butter drinstehen, ist das ein Alarmzeichen“, sagt Helga Strube von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE), Sektion Niedersachsen. Ob aus Vergesslichkeit, mangelndem Geschmacksempfinden oder weil die Rente nicht ausreicht: „Manche Senioren ernähren sich fast ausschließlich von Marmeladenbrot“, berichtet Strube.Auch der Belgier Jean-Pierre Baeyens, Vorstandsmitglied in der europäischen Gesellschaft für geriatrische Medizin (EUGMS), schlägt Alarm.

„Jeder sechste Senior isst mittlerweile zu wenig, doch wird Mangelernährung zu wenig erkannt und behandelt“, bemängelt Baeyens. „Wer zu wenig isst, wird öfter krank, reagiert zudem auch schlechter auf Medikamente und hat eine höhere Sterblichkeit.“ Dabei betreffe die Mangelernährung vor allem ältere Patienten in Kliniken und Pflegeheimen. Laut Baeyens sind in Spitälern 25 bis 40 Prozent der Senioren mangelernährt, in Pflegeheimen sogar bis zu 70 Prozent. Wer noch zu Hause lebt, steht deutlich besser da: Von dieser Gruppe seien nur 15 bis 25 Prozent mangelernährt, erklärt der Experte.

Ein ähnliches Bild zeigt eine im Jahr 2006 veröffentlichte Studie der Deutschen Gesellschaft für Ernährungsmedizin (DEGEM). Die Überprüfung des Ernährungszustands von mehr als 1800 Krankenhauspatienten machte deutlich, dass 27,4 Prozent davon mangelernährt waren – vor allem die älteren. So gab es bei 43 Prozent der über 70-Jährigen Ernährungsmängel, während dies bei den unter 30-Jährigen nur für 7,8 Prozent galt.

Erfreulichere aktuelle Daten berichtet der Medizinische Dienst der Krankenkassen (MDK) in Niedersachsen, der derzeit die Qualitätsprüfungen in den niedersächsischen Pflegeheimen auswertet. Allein in der Region Hannover sind davon 376 Heime betroffen. Zwar werde der Ernährungszustand der Bewohner bei den Heimbegehungen nicht explizit erfasst, erläutert MDK-Sprecherin Friederike Geisler. Doch die Qualitätsinspekteure prüfen anhand von Body-Mass-Index und Gewichtsentwicklung ausgewählter Senioren, ob die Einrichtung die Bewohner im Rahmen ihrer Möglichkeiten angemessen ernährt. „Das ist zu 90 Prozent gegeben“, betont Geisler. Probleme mit der Ernährung gebe es vor allem bei dementen Patienten oder wenn Krankheiten mit Schluckstörungen oder starker Mundtrockenheit vorliegen.

Für den Bremer Allgemeinmediziner Hans-Michael Mühlenfeld vom Deutschen Hausärzteverband gehört mangelnder Appetit bei betagteren Senioren durchaus zum normalen Alterungsprozess. Im Alter schwinde einfach der Appetit. In den meisten Fällen sieht Mühlenfeld bei seinen Patienten keine gravierenden Ernährungsprobleme. „Wenn aber das Gebiss nicht mehr passt, es Probleme beim Schlucken gibt oder die Speiseröhre brennt, müssen diese Probleme geregelt werden“, betont er.

Liegt tatsächlich eine Mangelernährung vor, so führt diese meist auch zu einem Vitaminmangel. „Im Alter steigt der Nährstoffbedarf, während die Energieaufnahme sinkt“, verdeutlich die DGE-Expertin Strube. Kritische Nährstoffe seien dann Vitamin B12, Kalzium, Magnesium, Folsäure, Eisen, Jod, Zink und Vitamin D. „Im höheren Alter kann man etwa Vitamin D kaum noch selbst bilden, weil man nicht mehr 30 Minuten am Tag ins Freie kommt“, sagt Strube. Der Hausarzt müsse in solchen Fällen prüfen, ob zusätzliche Nährstoffe in Tablettenform nötig sind.

Bereits 2004 hatten Experten des Instituts für Lebensmittelwissenschaft der Leibniz Universität Hannover gezeigt, dass auch jüngere Senioren von solchen Nahrungsergänzungsmitteln profitieren können. Trotz ausgewogener Ernährung hätten rund 30 Prozent der Probandinnen ein Defizit bei den Vitaminen B 1, B 6 und B 12 gehabt, erklärte Studienleiter Prof. Andreas Hahn.

Doch was genau braucht ein älterer Mensch? „Grundsätzlich gelten auch bei Senioren die Ernährungsregeln der DGE“, erläutert DGE-Expertin Strube. Die Gesellschaft empfiehlt fünfmal am Tag eine Portion Obst oder Gemüse, Milch- und Vollkornprodukte (siehe Tipps). Weil vor allem alleinstehende Männer oft nur wenig Ernährungswissen besitzen, rät Strube gerne auch zu Menübringdiensten – „jedenfalls, wenn das Essen ausgewogen zusammengestellt ist“, sagt die Ernährungsexpertin. Entsprechende Kriterien hat die DGE im Projekt „Fit im Alter“ entwickelt.

Besondere Probleme bereitet die ausgewogene Ernährung von Menschen mit Demenz. „Manche lehnen die bisherigen Lieblingsspeisen ab, einige vergessen ganz zu essen, andere sitzen hilflos vor einem gefüllten Teller, ohne zu wissen, was sie tun sollen“, heißt es dazu in einer Mitteilung der Krankenkasse Barmer GEK. Dann helfe nur eine große Portion Geduld und einige kleine Tipps. So fällt es Dementen häufig leichter, mundgerechte Happen zu verspeisen als einen ganzen Teller leer zu essen.

mit: pte

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare