Arzneimittelreport

Kinder bekommen mehr Psychopillen denn je

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Foto: Immer mehr Kindern werden Psychopharmaka verabreicht, deren Nebenwirkungen gefährlich sein können

Hannover - Ärzte in Deutschland greifen immer häufiger zum Rezeptblock, um psychische Störungen bei Kindern und Jugendlichen zu behandeln. In den Jahren 2005 bis 2012 stieg die Zahl der verordneten Psychopharmaka für die Altersgruppe bis 19 Jahre um 41 Prozent.

Dies geht aus dem Arzneimittelreport der Krankenversicherung Barmer GEK hervor, der am Dienstag veröffentlicht wurde. Betrachtet man nur die neu am Markt eingeführten Präparate, ergibt sich sogar ein Anstieg von 129 Prozent. Besonders dramatisch stiegen laut Barmer-Studie die Verordnungen in den Altersgruppen der 10- bis 14-Jährigen und der 15- bis 19-Jährigen, die rund 80 Prozent der Psychopharmaka erhalten.Bei fast 50 Prozent der Kinder und Jugendlichen wurde mit der Pille Hyperaktivität, das bekannte ADHS-Syndrom, behandelt, gefolgt von Störungen des Sozialverhaltens, Depressionen, Angststörungen, Autismus aber auch eine verminderte Intelligenz.

Laut Report nimmt Deutschland beim Zuwachs der Psychopillen für Minderjährige international jedoch keine Spitzenstellung ein: In den USA gab es im Zeitraum von 1998 bis 2009 sogar ein Plus von mehr als 400 Prozent; in Kanada (2005 bis 2009) waren es 114 Prozent.

Bedenkliche Entwicklung

Die Autoren der Studie – Wissenschaftler des Instituts für Arzneimittelforschung der Universität Bremen – weisen aber auch nach, dass es für die Jahre 1953 bis 2007 „keinen Anhaltspunkt für eine Zunahme kinder- und jugendpsychiatrischer Auffälligkeiten“ gibt. Vielmehr machen sie „ethisch fragwürdige Marketingsstrategien“ der Pharmaindustrie für den Pillenboom verantwortlich – und den Umstand, dass „eine medikamentöse Behandlung zeitsparender ist als das Warten auf einen Psychotherapieplatz“.

„Diese Entwicklung ist bedenklich. Erkrankte Kinder und Jugendliche sollen selbstverständlich nur die Medikamente erhalten, die sie für ihre Genesung auch benötigen“, sagte die niedersächsische Sozial- und Gesundheitsministerin Cornelia Rundt (SPD) der HAZ. Auch der Ärzteverband Hartmannbund sieht die Verschreibungspraxis „hochkritisch“. Ärzte seien aufgefordert, „gesellschaftliche Fehlentwicklungen nicht mit Medikamenten zu korrigieren“, sagte der Bundesvorsitzende Klaus Reinhardt.

Psychische Störungen seien oft Ausdruck einer nicht kindgerechten Umwelt, in der Kindern oft der Familienrückhalt fehle. Der Präsident des Kinderschutzbundes, Heinz Hilgers, betonte, „eine gute Pädagogik ist oft wichtiger als eine Pille“. Der Arzneimittelreport weist nach, dass auch Senioren extrem viele Arzneien nehmen. Bei den über 65-Jährigen schluckt ein Drittel mehr als fünf Präparate am Tag, bei den über 80-Jährigen sind es mehr als sieben. Laut Hartmannbund ist dies „unvermeidlich“ und ein Ausdruck der alternden Gesellschaft.

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