Kampf gegen Impflücken

Kinderärzte fordern mehr Schutz gegen Masern

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„Vor der Aufnahme in eine Kindertagesstätte sollte eine Impfbescheinigung vorliegen.“

Berlin - Impfmüdigkeit und Antibiotika bereiten Deutschlands Kinderärzten Bauchweh. Und sie sehen in ihren Praxen immer mehr Kinder mit Entwicklungsstörungen. Deshalb fordern sie jetzt einen nationalen Impfplan.

Deutschlands Kinderärzte fordern einen nationalen Impfplan. „Nur mit zusätzlichen Maßnahmen können wir das Ziel erreichen, bis 2015 die Masern bei uns auszurotten. Alle Appelle an Freiwilligkeit in den letzten zwei Jahrzehnten haben nicht ausgereicht“, sagte der Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte, Wolfram Hartmann, am Freitag in Berlin. Die Bundesregierung habe sich der Weltgesundheitsorganisation gegenüber dazu verpflichtet.

Vor allem sehr kleine Kinder seien ansteckungsgefährdet, weil mit einer Durchimpfungsrate von derzeit 80 Prozent die „Herdenimmunität“ nicht gegeben sei. Dafür seien 95 Prozent erforderlich. „Vor der Aufnahme in eine Kindertagesstätte sollte deshalb eine Impfbescheinigung vorliegen“, forderte der Pädiater. Dabei sei der Besuch einer Kindertagesstätte für viele Mädchen und Jungen wichtiger denn je. „Ein Fünftel der Kinder im Vorschulalter hat inzwischen dringenden pädagogischen Förderbedarf, oft weil bei ihnen zu Hause Entwicklungsanregungen fehlen“, sagte Hartmann. Dies dürfe man nicht durch Sprach- oder Ergotherapien „medikalisieren“. „Das muss aus dem medizinischen Bereich ausgelagert werden, hin zu pädagogischen Angeboten in gut ausgestatteten Kitas.“

Mögliche Probleme sehen die Kinderärzte auch durch den intensiven Antibiotikaeinsatz in der Tiermast auf den Nachwuchs zukommen. Die Medikamente könnten mittelbar auch die Darmflora der Kinder verändern. „Die frühe Prägung des Immunsystems durch die individuelle Zusammensetzung der Darmflora wird als ein wichtiger Faktor für die zunehmende Entwicklung von Allergien oder chronisch entzündlichen Darmerkrankungen besonders bei jungen Kindern gesehen“, führte Prof. Klaus Keller aus. „Die Kinderärzte sind bei der Vergabe von Antibiotika in den vergangenen Jahren deshalb sehr viel zurückhaltender geworden“, ergänzte Hartmann.

dpa

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