Wissenschaft

Kunstaugenhersteller ermöglichen Versehrten gewohntes Aussehen

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Foto: Der Ocularist Uwe Rauch stellt in seinem Institut für künstliche Augen in Nürnberg eine Augenprothese aus Glas her.

Nürnberg - Der Blick in die Augen vermittelt Vertrauen, Verständnis, Nähe. Doch manche Menschen bekommen das Sehorgan etwa nach einer Tumorerkrankung entfernt. Psychisch ist das für viele ein großes Problem. Helfen können Kunstaugen – der Unterschied zum echten ist oft kaum zu sehen.

Wieder und wieder hält Uwe Rauch das Kunstauge in die Flamme des Bunsenbrenners, dreht und wendet den Rohling, bläst das Glas in die richtige Form und schmilzt vorsichtig rote Farbe für die Äderchen hinein. Neben ihm sitzt Bernd Nienaber und wartet geduldig darauf, dass sein neues Auge fertig wird. Einmal im Jahr kommt der 66-Jährige in Rauchs Nürnberger Institut für künstliche Augen, um sich seine Prothese erneuern zu lassen. Das Hilfsmittel ist für ihn enorm wichtig: "Das Auge ist das Fenster zur Seele. Ohne würde ich in der Öffentlichkeit nicht herumlaufen, weil ich mich unwohl fühle. Außerdem würde ich es nicht so prickelnd finden, wenn die Leute mich anstarren."

Schätzungen der Deutschen Ocularistischen Gesellschaft (DOG) zufolge haben rund 20.000 bis 30.000 Menschen in Deutschland ein Glasauge. "In den meisten Fällen, wenn es nicht gerade ein schwerer Unfall war, fällt es nach der Versorgung gar nicht groß auf", schildert Marcel Bäz, einer von Rauchs Mitarbeitern und Ocularist in der fünften Generation. Gemeinsam mit seinem Bruder Manuel sitzt er gerade an einem speziellen Arbeitstisch und fertigt mit Hilfe von Bunsenbrennern, verschiedenen Glassorten und Farbstäben die Rohlinge an, aus denen später die individuellen Kunstaugen geformt werden.

Die farbige Iris sieht bei jedem einzelnen Exemplar unterschiedlich aus: Blau, braun, mit hellen Sprenkeln, dunklen Pünktchen, einem leuchtenden Kranz oder einer leicht ovalen Pupille. "Wir versuchen, das so natürlich wie möglich zu machen", schildert Rauch das Ziel. Er weiß jedoch auch: "Es wird immer Unterschiede geben, die Natur kann man nicht überlisten. Aber wir können die Gesichtsharmonie wieder herstellen." Zumal ohne eine entsprechende "Füllung" des betroffenen Auges die Augenhöhle bald zusammenfallen und das Gesicht entstellen würde.

Früher waren viele Glasaugenträger Kriegsversehrte, heute haben die meisten das Auge wegen eines Tumors entfernt bekommen oder leiden an einem erblich bedingten Defekt. Unfallopfer gibt es dank strikter Arbeitsschutzvorschriften und auch dem Verbundglas in Autoscheiben immer seltener. Doch diejenigen, die tatsächlich ihr Auge verlieren, haben daran gerade zu Anfang psychisch oft sehr zu knabbern.

"Ich habe eine Patientin, die kann sich auch nach 30 Jahren nicht ohne Auge im Spiegel ansehen", berichtet Rauch von einem Extremfall. Entsprechend wichtig ist ihm eine persönliche Atmosphäre in der Praxis, um auf die Betroffenen eingehen zu können. "Wir haben viel Zeit, und das nutzen die Patienten – die laden hier viel ab und schütten auch schon mal ihr Herz aus. Da beginnt der psychologische Teil unserer Arbeit".

Denn natürlich ist der Anblick erstmal ungewohnt. Dabei ist die Augenhöhle der Betroffenen nach dem Entfernen des Glaskörpers keineswegs leer – schon bei der Operation setzen die Chirurgen ein dauerhaftes, kugelförmiges Implantat ein, das mit Bindegewebe und Häuten verschlossen wird und auch die bestehenden Muskeln angenäht bekommt. Dadurch bewegt sich später das Glasauge beim Sehen mit. Die Prothese wird nämlich als Halbschale auf das Implantat aufgesetzt – das Glasauge selbst ist also keinesfalls kugelig, wie viele glauben.

Zwar ist der Rohling noch rund, doch beim Anpassen blasen die Augenkünstler daraus eine individuell auf die Augenhöhle des jeweiligen Patienten angepasste Halbschale. Da allein schon die handwerklichen Anforderungen extrem hoch sind, dauert die Ausbildung zum Ocularisten stattliche sechs Jahre. Nur ungefähr 60 solcher Experten gibt es in Deutschland. Dem Fachverband DOG sind gut ein Dutzend Institute angeschlossen, darüber hinaus gibt es noch eine Handvoll anderer Praxen.

Weil viele Azubis nicht die nötige Ausdauer und Frustrationstoleranz mitbringen, hat so manches Institut Nachwuchsprobleme.Trotz der langen Lehrdauer hat zumindest Marcel Bäz seinen Traumberuf gefunden. "Man ist wirklich sehr kreativ, man sieht, was man gemacht hat, und man hat jeden Tag ein Erfolgserlebnis, weil man einem Menschen geholfen hat", zählt der 32-Jährige auf. "Das schönste Geschenk ist es, wenn die Patienten dann mit einem Lächeln zur Tür rausgehen."

dpa

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