Orthografie

Lehrer kämpfen mit neuer Rechtschreibung

- „Leerer prauchen wier nicht!“ So steht es ironisch auf einer Wortliste, die ein Deutschlehrer vor kurzem in der 7. Klasse eines Gymnasiums in Baden-Württemberg ausgeteilt hat. Was er nicht bemerkt hat: Die Liste strotzt auch sonst vor Fehlern. Ein Einzelfall?

Wer 36 Rechtschreibfehler auf 2 Seiten macht, bekommt im Diktat eine Sechs. Doch was, wenn nicht ein Schüler, sondern ein Lehrer so viel falsch schreibt? Noch dazu ein Deutschlehrer, der seine Schüler mit einer Wortliste auf ein Diktat vorbereitet? Führende Experten wie der Potsdamer Sprachwissenschaftler Peter Eisenberg und der Deutschdidaktiker Jakob Ossner kennen solche Fälle und sie schlagen Alarm.

„Es ist kein Geheimnis, dass die neue Rechtschreibung und erst recht die seit 2006 gültige nicht in der Schule ankommt und der Rechtschreibunterricht noch immer an vielen Orten vernachlässigt wird“, beklagt Eisenberg. „Wir brauchen dringend eine Diskussion um eine Reform der Lehreraus- und -weiterbildung“, fordert Ossner. Auch die Leiterin der Wörterbuch-Redaktion Wahrig, Sabine Krome, sieht in der fehlerhaften Wortliste „keinen Einzelfall“.

Schuld an der Misere ist die Rechtschreibreform von 1996. Sie missglückte und musste zum Teil wieder zurückgenommen werden. Die Kultusministerkonferenz setzte daher den Rat für deutsche Rechtschreibung in Mannheim ein. Dieser sorgte dafür, dass 2006 eine Reform der Reform in Kraft trat. Ein Anliegen war es, bei der Getrennt- und Zusammenschreibung je nach Bedeutung unterscheiden zu können: „Sitzen bleiben“ schreibt man auseinander, wenn jemand im wörtlichen Sinne auf einem Stuhl sitzen bleibt. Bei übertragener Bedeutung („in der Schule sitzenbleiben“) ist dagegen Zusammenschreibung möglich.

Bei manchen Lehrern scheinen diese Feinheiten nicht angekommen zu sein. Ossner fordert daher: „In der Lehrerausbildung muss sprachliche Bildung - insbesondere in den Bereichen Grammatik und Orthografie - dringend verstärkt werden.“ Bei Pisa-Studien und Vergleichsarbeiten werde fast nur über Schülerleistungen und Schulsysteme diskutiert, „so als würden die Lehrkräfte für die Ergebnisse ganz unbedeutend sein. (...) Dabei haben viele Untersuchungen bestätigt, dass auch in der Schule Organisationsfragen nachrangig und die Kriterien für guten Unterricht bei den Lehrern zu suchen sind.“

Ossner war Rektor der Pädagogischen Hochschule Weingarten und lehrt jetzt an der PH Rorschach am Bodensee (Schweiz). Er fordert: Wer auf Lehramt studieren will, muss auf seine Eignung getestet werden. „Lehrer, die sich in ihrer Hilflosigkeit nur noch selbst karikieren können („Leerer prauchen wier nicht!“ steht am rechten oberen Seitenrand der Wortliste), brauchen wir nicht.“

dpa

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