Universalgelehrter

Wie Leibniz das Maschinengewehr erfand

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„Allezeit zwey Kugeln in der Lufft“: Im Nachlass von Leibniz (1646–1716, oben) fanden sich auch Skizzen von Gewehren (links).

Hannover - Der Gelehrte Gottfried Wilhelm Leibniz wird oft als Friedensfreund gefeiert – doch ein neues Buch enthüllt jetzt sein besonderes Faible für das Militär.

Die jungen Leute, fand er, sollten ihre Nasen nicht zu oft in Bücher stecken: „Die teutsche jugend legt sich zu sehr aufs studiren und reisen“, grantelte er. Man solle besser Akademien für „leibesübungen“ einrichten. Da sprach Kampfgeist aus den Worten von Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716). Hannovers größter Gelehrter wird heute oft als freundlicher Friedensphilosoph gefeiert. Der jetzt erschienene Aufsatzband „Der Philosoph im U-Boot“ (296 Seiten, 29,90 Euro) offenbart nun jedoch kaum bekannte Facetten des Großdenkers. Leibniz hatte demnach durchaus ein Faible fürs Kriegshandwerk: „Ein großer Teil seiner Forschungen hatte einen militärischen Hintergrund“, sagt Michael Kempe, Leiter des Leibniz-Archivs und Herausgeber des Bandes.

In seinem Aufsatz „Dr. Leibniz oder wie ich lernte, die Bombe zu lieben“ beschreibt Kempe, wie intensiv Leibniz sich mit Tauchboottechnik beschäftigte. Er dachte auch über die Einrichtung mobiler Feldlazarette und kugelsicherer Panzerwesten nach, über Festungsbau und das Erstürmen von Festungen. Und über die Entwicklung neuer Brandkampfstoffe. So holte er 1679 den Entdecker des Phosphors, Heinrich Brand, an den Hof nach Hannover. Wer das Geheimnis solchen Feuerpulvers beherrsche, könne die Weltherrschaft erlangen, glaubte Leibniz.

„Leibniz war ein herausragender Vertreter der Technik- und Fortschrittseuphorie jener Zeit“, sagt Georg Ruppelt, Direktor der Leibniz-Bibliothek. Technische Neuerungen verhießen damals schier grenzenlose Möglichkeiten. Wie ein barocker Daniel Düsentrieb beschäftigte Leibniz sich ständig mit medizinischen Wundermitteln, mit der Verwandlung von Quecksilber in Gold oder der Konstruktion vom Dampffahrzeugen. Oft war dabei kaum auszumachen, was auf ewig utopische Spinnerei bleiben und was schon bald einen praktischen Nutzen haben würde.

Bei alledem war Leibniz jedoch kein genialisch-friedfertiger Tüftler. „Er arbeitete beispielsweise auch an einer Schnellschusswaffe“, sagt Kempe. Leibniz konstruierte eine Art Maschinengewehr, mit dem man feuern konnte, ohne ständig nachladen zu müssen. Anno 1702 beauftragte er sogar einen Helmstedter Büchsenmacher mit der Konstruktion dieser Büchse, „mit der mann nacheinander vielmahl schießen“ könne, und zwar „so offt nach einander, daß allezeit zwey Kugeln in der Lufft“. Vermutlich wurde die Waffe nie fertig. Viele Pläne Leibniz’ scheiterten an Geldmangel, an den technischen Möglichkeiten seiner Zeit oder an fehlender Unterstützung durch die Fürsten.

Das hielt den Gelehrten jedoch nicht davon ab, beständig kühne Pläne für kommende Kriege zu schmieden: Mit Kollegen erörterte er Kanonenpulverexperimente, er berechnete Flugbahnen von Granaten und empfahl den Einsatz von Rauchbomben, vom „Stinckpott, deßen rauch sich unglaublich ausbreitet“.

Besonders befremdlich wirken heute seine Überlegungen zum Aufbau einer Elitetruppe, mit der ein Herrscher die ganze Erde unterwerfen könne: Der französische König, so schlug Leibniz vor, solle alle Bewohner einer Insel - beispielsweise Madagaskars - vertreiben. Dann solle man Zwölfjährige aus Afrika, Arabien und Amerika als Sklaven dorthin entführen und zu unbesiegbaren Kampfmaschinen drillen.

Immerhin präsentiert das kenntnisreich geschriebene Buch auch Leibniz’ sympathische Seiten. So wurde dem Großgelehrten 1714 in Zeitz ein sprechender Hund vorgeführt, der damals als Kuriosität in den besseren Kreisen herumgereicht wurde. Leibniz hörte sich an, was das Tier zu sagen hatte. Etwa 30 Wörter soll es herausgebracht haben, darunter „Caffé“ und „Chocolat“. Leibniz verfasste prompt einen Bericht an die Königliche Akademie der Wissenschaften. Man muss ihm schon bescheinigen, dass er auch seltsamen Phänomenen mit großer Unvoreingenommenheit begegnete. Und Tieren einiges zutraute.

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