Kreatives Schreiben

Literaturschmiede in Hildesheim

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Hildesheim - Kann man lernen, Schriftsteller zu sein? Die Universität Hildesheim sagte ja und schuf den Studiengang Kreatives Schreiben & Kulturjournalismus. Rund zwölf Jahre nach der Gründung hat das Institut erfolgreich einen festen Platz in der Literaturszene.

Der Ingeborg-Bachmann-Preis ist eine der wichtigsten Auszeichnungen der deutschsprachigen Literatur. Bei dem Vorlesewettbewerb werden einmal im Jahr in Klagenfurt aus aufstrebenden Schriftstellern Literaturstars gemacht. Schon eine Einladung ist eine Ehrung. Gemessen daran konnte Hanns-Josef Ortheil in diesem Jahr mehr als zufrieden sein.

Ortheil ist Professor für Kreatives Schreiben an der Universität Hildesheim, einer der renommiertesten deutschen Schriftsteller, vielfach ausgezeichnet - und Gründer des Hildesheimer Studienganges. Von den Teilnehmern des Bachmann-Preises in diesem Jahr haben zwei bei ihm studiert. Dass am Ende weder Leif Randt noch Thomas Klupp den Hauptpreis geholt haben, war egal: Mit der Teilnahme haben nicht nur sie sich im Literaturbetrieb etabliert, auch die kleine Schreiberschmiede in Hildesheim steht spätestens seitdem im Fokus Literaturinteressierter.

Auch die Präsentation gehört dazu

Neben Leipzig ist Hildesheim die einzige Stadt in Deutschland, in der man Kreatives Schreiben an einer Universität studieren kann. Seit 1999 lernen Studenten wie in einem Durchlauferhitzer nicht nur Theorie und Praxis des Schreibens, sondern auch die richtige Präsentation und wie die fertigen Gedichte, Geschichten, Essays oder Artikel auch zum Literaturfan kommen. Denn neben Vorlesungen, Seminaren und Schreibwerkstätten, die die Studenten besuchen müssen, organisieren sie Literaturfestivals und Lesungen, bringen eigene Zeitschriften heraus und sammeln so auch Erfahrung als Verleger.

"Das Bild des einsamen Schreibers gibt es auch so gar nicht mehr", sagt Ortheil. Perfekte Schreiber, die nichts mehr lernen müssen oder möchten, passten daher auch nicht ans Institut. "Wenn die Studenten bei uns anfangen, dann haben sie sicherlich schon Ideen, einen eigenen Stil oder auch ein eigenes Profil, doch viel wichtiger ist uns der Wille zum Austausch und Lernbereitschaft."

Intensive Jahre

Auf rund 25 Plätze pro Jahrgang kommen Hunderte Bewerbungen. Eine Mappe mit etwa 20 Seiten selbst geschriebener Texte muss eingereicht werden. Wessen Texte sich von der Masse abheben, wird zu einem persönlichen Gespräch eingeladen. Wer angenommen wird, kann sich auf ein paar intensive Jahre einstellen. Das Ziel ist nicht, am Ende einen fertigen Roman oder Gedichtband zu haben, sondern eine Mappe mit Arbeiten, vergleichbar mit einem Portfolio an einer Kunsthochschule. Die Dozenten pflegen gute Kontakte zu Verlagen und Lektoren. Dass viele Studenten aus ihren Mappen Bücher machen, ist also keine Seltenheit.

Für Erstsemester Marco Lehmbeck ist eine Veröffentlichung noch in weiter Ferne. "Ich empfinde es momentan eher als Geschenk, die meiste Zeit am Tag mit Schreiben zu verbringen." Kommilitonin Alina Herbing sieht das ähnlich: "Ich wollte ausprobieren, wie das ist, wenn Schreiben zum Wichtigsten im Leben wird." Das alte Gut Domäne Marienburg in einem Vorort von Hildesheim sei dazu der perfekte Ort. Für gute Literatur braucht man nicht unbedingt den Stress und Schmutz einer Großstadt. Auch das kleinere Hildesheim und die Niedersächsische Natur hat schon zu vielen guten Ideen inspiriert.

Auch Bachmann-Preis-Teilnehmer Thomas Klupp ist inzwischen wieder in Hildesheim angekommen. Er arbeitet als Assistenz am Institut und bereitet eine neue Generation von Schreibern auf den Literaturbetrieb vor. Nur noch eine Frage der Zeit, bis einer von ihnen den Hauptpreis in Klagenfurt gewinnen wird. Wundern würde das keinen.

dpa/lni

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