Langzeitstudien

Die Macht der MRSA-Erreger

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Foto: „Wir forschen, um gewappnet zu sein“: MRSA-Erreger in der Petrischale.

Hannover - Keime, die öfter vorkommen als gedacht: Die multiresistenten Bakterien in deutschen Mastställen sind für Menschen noch nicht gefährlich – aber sie verändern sich schnell.

Sie sind die neuen Plagen der Menschheit: Bakterien, gegen die kein Antibiotikum mehr hilft. Im Klinikum Bremen-Mitte sind seit dem vergangenen Jahr mehrere Frühgeborene an den Folgen von Infektionen mit multiresistenten Bakterien vom Typ MRSA gestorben oder schwer erkrankt. Die Ärzte dort sind in großer Sorge, denn kürzlich ist der „Krankenhauskeim“ wieder auf der Haut eines Babys entdeckt worden; das Kind erkrankte glücklicherweise nicht.

Fachleute machen den überbordenden Einsatz von Antibiotika für die Ausbreitung der widerstandsfähigen Keime verantwortlich – nicht nur in der Medizin. Auch in den Tierställen werden Antibiotika sehr großzügig eingesetzt, wie Untersuchungen in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen belegen.

Gestern ließen zwei neue Langzeitstudien aufhorchen: Forscher der Tierärztlichen Hochschule Hannover (TiHo) und der FU Berlin haben festgestellt, dass antibiotikaresistente MRSA-Keime in fast allen konventionellen Schweinehaltungsbetrieben nachgewiesen wurden und 40 Prozent der Menschen besiedeln, die sich dort regelmäßig aufhalten. Bei Bioschweinehaltern lag die Quote lediglich bei 25 Prozent, wie Prof. Thomas Blaha berichtet. „Dass die Keime viel öfter vorkommen als gedacht, ist die schlechte Nachricht“, sagt der Leiter der Außenstelle des Instituts für Epidemiologie an der TiHo. „Die gute Nachricht ist, dass von diesen Keimen keine Gesundheitsgefahren ausgehen.“ Zu gefährlichen Erkrankungen komme es nur sehr selten, sagt der Veterinär, bei Menschen wie bei Tieren.

Ziel der Untersuchungen war es, mehr über die Verbreitung von MRSA herauszufinden. Das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz hatte vor drei Jahren fünf Projekte in Auftrag gegeben. Die TiHo untersuchte die Ausbreitung des MRSA (Methicillinresistenter Staphylokokkus aureus) in der Schweinemast und Schweinezucht in Deutschland, die FU Berlin das Vorkommen des Erregers im Staub innerhalb und außerhalb der Tierställe, und das Bundesinstitut für Risikobewertung übernahm die molekularbiologische Feintypisierung der Bakterienstämme in Proben aller beteiligten Experten. Staphylokokkus aureus kommt bei vielen Menschen auf der Haut oder in den Atemwegen vor, ohne je Beschwerden zu verursachen.

Gefährlich wird es, wenn die Staphylokokken Resistenzen bilden und kein Antibiotikum mehr hilft. Die Forscher unterscheiden drei MRSA-Typen, die in Kontakt mit Menschen kommen: HA-MRSA (hospital associated MRSA) verbreitet sich in Kliniken („Krankenhauskeim“), CA-MRSA (community associated MRSA) in der Umwelt und LA-MRSA (livestock associated MRSA) in der Tierhaltung. Vom LA-MRSA wissen die Forscher, dass dieser sehr überlebensfähig ist und sich leicht verbreitet.

Dennoch gibt Blaha bezüglich dieses Keims Entwarnung. 98 bis 99 Prozent der untersuchten Keime gehörten zu einem einzigen Bakterienstamm, nämlich ST398. Dieses sei bei weitem nicht so pathogen wie die gefürchteten Krankenhauskeime, erklärt Blaha. Nur wenn der Keim in eine Wunde gerate, könne er theoretisch Erkrankungen auslösen, aber auch diese Gefahr liege im Promillebereich. Auch befallenes Fleisch sei für die Verbraucher ungefährlich. Braten töte die Erreger ab, und selbst rohes Hackfleisch sei unproblematisch, denn die Keime würden von der Magensäure zersetzt.

Dass Ökobetriebe weit weniger befallen sind, erklärt TiHo-Projektleiterin Prof. Diana Meemken damit, dass diese kleine Bestände hätten und nur Tiere aus anderen Ökobetrieben zukauften. So könne sich der Keim nur langsam verbreiten. Und: Die Biohöfe setzen sehr wenig Antibiotika ein. Diese beförderten die Ausbreitung von MRSA, denn die widerstandsfähigen Keime überlebten als einzige eine Behandlung und könnten sich dann umso besser vermehren.

Die TiHo-Forscher hoffen, dass ihre Ergebnisse zu Konsequenzen in der Tierhaltung führen. Obwohl die Keime derzeit als harmlos eingestuft werden, wollen die Forscher sie auf lange Sicht reduzieren. „Landwirte, die an die Zukunft denken, sollten weniger Antibiotika einsetzen“, empfiehlt Meemken. Wichtig sei es überdies, dass Bauern ihre Tiere von möglichst wenig verschiedenen Tierhändlern beziehen. Auch setzt das TiHo-Team auf bessere Vorsorge in den Krankenhäusern.

Wie in den Niederlanden sollten Risikopatienten, also Bauern, Schlachthofmitarbeiter und auch Forscher, sich vor einer Operation auf MRSA testen lassen. „Die Keime verändern sich schnell, niemand weiß, ob sie nicht doch einmal pathogen werden“, räumt Meemken ein. „Wir forschen, um gewappnet zu sein.“

Es ist dieses Potenzial zur raschen Mutation, das Kritiker wie den früheren Veterinäramtsleiter Hermann Focke seit Jahren beunruhigt. Er wirft den TiHo-Forschern vor, die Gefahr zu verharmlosen. „Vor 25 Jahren hat man auch gehört, dass der Krankenhauskeim nicht besonders pathogen sei“, erinnert sich Focke. Heute könnten die Kliniken den multiresistenten Keim kaum in den Griff bekommen. Dass die Niederländer Landwirte und andere Risikogruppen testen, spreche Bände. „Bei diesem Aufwand kann auch LA-MRSA so harmlos nicht sein.“

Eckehard Niemann von der Arbeitsgemeinschaft Bäuerliche Landwirtschaft (AbL) sieht sich durch die neue Studie bestätigt. Für den Bauern aus dem Kreis Uelzen ist klar, dass die Massentierhaltung die Keimresistenzen begünstigt. „Tiere auf engem Raum haben mehr Stress und sind krankheitsanfälliger“, sagt er. Schnell verschreibe der Tierarzt dem gesamten Bestand Antibiotika, bevor der Erreger genau untersucht sei – danach werde dann ein weiteres Antibiotikum fällig. Niedersachsens Landwirtschaftsminister Gert Lindemann hat aus Sicht des Ökolandwirts mit seinem Tierschutzplan, der den Antibiotikaeinsatz begrenzt, den richtigen Weg eingeschlagen: „Jedenfalls, wenn man das konsequent umsetzt. Aber das ist in Agrarfabriken nicht möglich.“

Margit Kautenburger und Gabriele Schulte

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