England entdeckt hannoversche Wurzeln wieder

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Foto: „Im Grunde“, so Kurator Bryant mit sehr britischem Lächeln, „führt eine Linie von Georg I. direkt zu James Bond.“

- England entdeckt seine hannoverschen Könige 400 Jahre nach Beginn der 137-jährigen Personalunion, in der Hannoveraner das Königreich regierten, neu – als heimliche Begründer der britischen Nation.

Der erste Mann im Staat war ein Mensch mit Migrationshintergrund. Man sagt Einwanderern der ersten Generation oft nach, sie verhielten sich besonders unauffällig. Sie seien bemüht, sich anzupassen und in ihrer neuen Heimat nicht dumm aufzufallen. Manchmal gilt das sogar für Könige. Und so versuchte Georg II., geboren im fernen Hannover, in London möglichst very british zu wirken: Der Monarch – der zweite jener fünf Welfen, die von 1714 bis 1837 in Personalunion über Hannover und Großbritannien herrschten – förderte gezielt britische Künstler, betonte seine englischen Wurzeln und legte Wert darauf, dass man bei Hofe Englisch sprach.

Fragt man Sebastian Edwards nach Georg II., hebt der Kurator des Londoner Kensington Palace anerkennend eine Augenbraue: „Well“, sagt der Brite dann, „he deserves more than he gets.“ Er würde mehr Anerkennung verdienen, als er bekommt. Edwards steht im Treppenhaus des Palastes, den Georg II. geschmackvoll ausgestalten ließ. In den vergangenen Jahren wurde Kensington im großen Stil renoviert, jetzt feiert dort die Ausstellung „The Glorious Georges“ jene Könige, die aus Hannover kamen. „Georg II. war der letzte Monarch, der seine Truppen noch selbst in die Schlacht führte“, sagt Edwards respektvoll. „Unter den Hanoverians verfestigte sich unsere Verfassungsordnung, die Wirtschaft florierte – und letztlich fällt auch die Geburt der modernen Demokratie in ihre Zeit.“

Als Skandalnudeln verkannt

Pünktlich zum 300. Jubiläum der Personalunion entdeckt England seine hannoverschen Herrscher neu. Lange galten die „Georgians“ den geschichtsbewussten Briten als schwache Könige, als eine Truppe skurriler Skandalnudeln, die politisch nichts auf die Beine brachten, teils nicht einmal vernünftig Englisch sprachen und dann auch noch die amerikanischen Kolonien verloren. Doch dieses von antideutschen Ressentiments beflügelte Bild hat sich in den vergangenen Jahren von Grund auf gewandelt.

Wie in Hannover gibt es in diesem Jahr auch in London eine Fülle von Ausstellungen, Konzerten und Historienevents zur Personalunion. Das Einwanderungsland England feiert die Integration seiner berühmtesten Einwanderer – und es entdeckt ausgerechnet die Deutschen als Geburtshelfer der eigenen Nation: „The German Kings who Made Britain“ ist der Titel einer mehrteiligen Serie in der BBC. Als im vergangenen Jahr Prince William, der Thronfolgerthronfolger, und seine Frau Kate ihrem Baby den Namen George Alexander Louis gaben, druckten die Zeitungen Doppelseiten über die Sippe des fast namensgleichen hannoverschen Kurfürsten Georg Ludwig, der 1714 als erster Deutscher den britischen Thron bestieg.

Könige im Anpassen

Die Monarchen, die damals im heimischen Hannover kraftvoll durchregieren konnten, mussten sich in London mit dem mächtigen Parlament arrangieren. Die ersten konstitutionellen Könige jener jungen Nation, die selbst gerade erst durch die Vereinigung Englands mit Schottland 1707 entstanden war, hielten sich eher im Hintergrund – politisch und gesellschaftlich: „Georg I. und Georg II. richteten ihre Paläste so ein wie der britische Adel“, sagt Wolf Burchard, Mitarbeiter der ehrwürdigen Queen’s Gallery am Buckingham Palace: „In Frankreich diktierte der König, welche Gemälde oder Möbel in Mode waren – in London waren es die Könige, die sich anpassten.“

Drei Jahre lang hat der junge Kunsthistoriker Burchard, der selbst Deutscher ist, die Ausstellung „The First Georgians“ mit vorbereitet. Zur Eröffnung im April kam Prince Charles höchstselbst in die Queen’s Gallery – und wies in seiner Rede auch auf die niedersächsische Landesausstellung zur Personalunion hin, die im Mai in Hannover beginnt. Mit einer überwältigenden Fülle an Gemälden, Möbeln und Porzellan zeichnet „The First Georgians“ nach, wie tief greifend sich das Land im 18. Jahrhundert politisch und kulturell veränderte – und welchen Anteil die zurückhaltenden Georges daran hatten.

In Deutschland war damals jeder Fürst darauf aus, nach französischem Vorbild sein eigenes kleines Versailles zu schaffen. Georg I. hingegen lebte mitten in der Stadt London, im vergleichsweise bescheidenen St. James’s Palace: „Wer hierher kommt, muss sich frei machen von der Idee Versailles und den Schlössern der Könige“, notierte der französische Reisende Pierre Jacques Fougeroux 1728 erstaunt, „er muss eintreten in den Geist der englischen Nation.“

„Die Georgians waren schon sehr britisch“

Der Geist der englischen Nation durchwehte bald eine offene, liberale Gesellschaft: In Ländern wie Frankreich waren patriarchalische Monarchen die obersten Mäzene der Kunst. In England hingegen konnten Satiriker in bissigen Karikaturen sogar die Königsfamilie aufs Korn nehmen. Statt Zensur entwickelte sich Pressefreiheit. Künstler wie der Schauspieler David Garrick oder der gesellschaftskritische Maler William Hogarth, an dessen Grafiken sich auch das gemeine Volk delektierte, wurden zu Stars. „Und nicht zufällig entstand gerade in dieser Zeit ein typisch britischer Architekturstil“, sagt Burchard.

Der französische oder niederländische Kunststil galt unter den Hanoverians bald als Relikt aus der Zeit der verhassten, alten Stuart-Könige. Reiche Adelige ließen sich ihre Landsitze lieber im anglo-palladianischen Stil erbauen, der mit seinen schlichten, klassischen Formen zum neuen Nationalstil wurde. Und die auf Integration bedachten deutschen Georges förderten gezielt britische Schöpfer wie den Allroundkünstler William Kent (1685–1748), der zum führenden Architekten und Designer seiner Zeit wurde – und zum Erfinder des berühmten Britischen Landschaftsgartens. Im Londoner Victoria and Albert Museum zeigt die Ausstellung „William Kent“ derzeit, wie der Designer zum eigentlichen Erfinder eines Stils wurde, der nicht mehr barock und noch nicht viktorianisch überladen war. Sie präsentiert den Chefdesigner der Georges als eigentlichen Schöpfer des guten, britischen Geschmacks. Geleitet wird das Victoria and Albert Museum von Martin Roth, der den Themenpark der Expo in Hannover geleitet hat. Zur Eröffnung der Kunstfestspiele Herrenhausen wird er am 6. Juni die Festrede halten – auch eine hannoversch-britische Beziehung.

„Die Georgians waren schon sehr britisch“, sagt Kurator Julius Bryant. Höflichkeit über Standesgrenzen hinweg, das Teetrinken als klassenübergreifende Kulthandlung wahrer Gentlemen – all das entwickelte sich unter ihrer Ägide. Zugleich trat britisches Design einen weltweiten Siegeszug an: Unternehmer wie der Porzellanhersteller Josiah Wedgwood oder Möbelbauer Thomas Chippendale, der Stühle und Kommoden per Katalog vertrieb, wurden mit Produkten im dezenten britischen Stil reich.

Zurückhaltung und Understatement, eine gekonnt zelebrierte Bescheidenheit, ein entschlossenes Auftreten, gepaart mit vollendeten Umgangsformen – viele Charakterzüge, für die sich die Briten heute selbst lieben, wuchsen ihnen in der Ära der hannoverschen Könige zu. „Im Grunde“, sagt Kurator Bryant mit sehr britischem Lächeln, „führt eine Linie von Georg I. direkt zu James Bond.“

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