Elite-Experte im HAZ-Interview

Michael Hartmann fordert Konsequenzen aus Schavans Promotionsaffäre

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"Ohne den Doktortitel ist Annette Schavan als Ministerin nicht haltbar": Elite-Experte Michael Hartmann.

Hannover - Aufstieg mit dem Doktortitel? Elite-Experte Michael Hartmann kritisiert die Promotion nur um der Karriere willen – und fordert Konsequenzen aus Annette Schavans Promotionsaffäre.

Elite heißt Auslese. Früher gab es Geburtseliten, heute legitimieren Eliten sich durch Leistung. Weist das Elite-Etikett seine Träger also als die Besten in Politik, Wirtschaft und Verwaltung aus?

Die Position und ihre Legitimation sind zwei Paar Stiefel. Zur Elite zu gehören heißt zunächst nur, dass man eine zentrale Machtposition bekleidet. Denn die Elite definiert sich selbst in erster Linie über Macht, nicht über Leistung. Wie meine Forschung zeigt, spielt statt Leistung die soziale Herkunft die entscheidende Rolle beim Zugang zu den meisten Elitepositionen. Eliten sind keine „Nieten in Nadelstreifen“. Aber sie sind auch nicht schlicht die Besten.

Die Bundesbildungsministerin will Eliteförderung. Ist das in Zeiten von Spitzennachwuchsmangel Signal und Chance für bildungsferne Schichten?

Das Gegenteil ist der Fall. Sowohl das von Annette Schavan auf den Weg gebrachte Deutschland-Stipendium als auch die Exzellenzinitiative wirken sozial selektiv. Denn das Stipendium wird unabhängig vom Elterneinkommen gewährt. Damit haben beim Bildungserwerb ohnehin begünstigte Kinder von Besserverdienenden auch dort mehr Chancen. Nach einer Studie des Hochschulinformationssystems hat nur jeder zehnte von den Begabtenförderwerken unterstützte Student eine „niedrige soziale Herkunft“. Und die Exzellenzinitiative verstärkt das Gefälle zwischen den Unis - getreu dem Matthäus-Prinzip „Wer hat, dem wird gegeben“.

Aber Annette Schavan ist doch selbst ein Beispiel für Aufstieg durch Bildung. Frau in der Bundespolitik, Elite-Fürsprecherin, Promovierte. Und sie stand an der Spitze von einem dieser Förderwerke, dem Cusanus-Werk.

Als Bundesbildungsministerin bleibt sie in dessen Tradition. Das Cusanus-Werk vergibt 60 Prozent seiner Mittel, die es selbst aus Steuergeldern empfängt, an Studierende, die es finanziell eigentlich nicht nötig haben. Dagegen ist Schavans Engagement für eine höhere Bafög-Förderung, die die Studierneigung direkt erhöht, bekanntlich begrenzt. Als Politikerin ist sie tatsächlich in mehrerer Hinsicht ein Prototyp für die Eliterekrutierung. Frauen sind in der politischen Elite mit einem Anteil von knapp 30 Prozent inzwischen recht gut vertreten. Im Kabinett von Angela Merkel sind es sogar sechs von 16 Kabinettsmitgliedern. Bei den 1000 wichtigsten Positionen in Deutschland, also in Wirtschaft, Verwaltung, Justiz, Medien, liegt der weibliche Anteil allerdings nur bei elf Prozent. Und mit dem Doktortitel gehört Schavan erneut zu einer Spitzengruppe. Ein Studium haben 90 Prozent der Elitemitglieder absolviert, aber nur knapp 40 Prozent verfügen auch über einen Doktortitel.

Der ist also weiter wichtig?

Er ist immer noch ein Unterscheidungsmerkmal. Zwar sinkt der Anteil der Promovierten an den Absolventen, aber durch die stark gestiegene Anzahl von Studierenden ist die absolute Zahl der Doktoren ebenfalls stark gestiegen. Vor 50 Jahren gab es 5000 Doktoren in Deutschland, heute gibt es mehr als 25.000. Wegen dieser Inflation des Titels ist sein Wert rückläufig, aber er gilt immer noch als Zeichen dafür, dass da einer dicke Bretter zu bohren vermag, als Indiz für besondere Leistungsfähigkeit, Kompetenz und Seriosität.

Solche Tugenden werden also von Doktoren erwartet. Ist Schavans Promotionsaffäre da ein schlechtes Signal?

Ein ganz schlechtes. Die Affäre schlägt auf ihre Politik der Elitenförderung zurück. Das war schon daran zu erkennen, wie prompt es danach Solidaritätsadressen von den Spitzen der großen Wissenschaftsorganisationen gab. In dieser Affäre geht es ja nicht nur um die Ministerin, sondern um das ganze System der Spitzenförderung. Denn es ist verheerend, wenn deren höchste Repräsentantin als Person erscheint, die unsauber gearbeitet hat. Annette Schavan wäre ohne ihre Promotion kaum an die Spitze des Cusanus-Werks gelangt, und jetzt steht sie für ein Konzept, das sie mit eigenen Leistungen nicht untermauern kann.

Sie erwarten, dass der Promotionsausschuss ihrer Uni ihr den Titel entzieht?

Alles andere wäre erstaunlich. Ich habe ein Jahr vor Annette Schavan promoviert. Auch damals galten die Standards wissenschaftlichen Zitierens, die man als Doktorand beherrschen musste. Doch diese Standards hat sie bei ihrer Darstellung des Forschungsstands offensichtlich verletzt. Und das nicht auf zwei oder drei Seiten, sondern in großem Umfang.

Kann die Kanzlerin im Falle der Bildungsministerin so gelassen reagieren wie damals bei Theodor zu Guttenberg, als sie sagte, sie habe keinen wissenschaftlichen Mitarbeiter ins Amt berufen?

Auf keinen Fall. Jetzt geht es um das Amt der Bildungsministerin. Die soll das ganze Ethos von Forschung und Wissenschaft in der Bundesregierung repräsentieren. Ohne den Doktortitel ist Schavan, die ja keinen anderen Abschluss hat, als Ministerin meiner Meinung nach nicht haltbar. Klar, sie gehört zum engsten Netzwerk um die Kanzlerin. Aber auch falls es den Versuch geben sollte, ihre Abberufung bis zur Bundestagswahl zu verschleppen, kann ich mir nicht vorstellen, dass sie danach noch im Amt ist.

Was heißt es für die Union, wenn ein Flaggschiff für Elite, Exzellenz, Kompetenz so auf Grund läuft? Berührt das auch die Wahrnehmung des christlich-konservativen Milieus?

Die Konzepte, für die Schavan stand, werden es schwerer haben. Wenn der hohe Anspruch an Elite sich in Teilen als heiße Luft erweist, ist neben der Person auch das Programm beschädigt, für das sie steht. Diese Affäre zeigt: Nicht überall, wo Elite und Exzellenz draufsteht, lässt sich dieses Etikett auch halten. Das gilt nicht nur für Schavan. Politisch ruft das aber selbst in christlich-konservativen Milieus keine Schockwellen hervor. Auch da vertrauen nur noch wenige treuherzig auf den bloßen Habitus bürgerlicher Solidität. Die meisten kennen die Doppelmoral, die es im bürgerlichen Milieu seit je her gibt.

Welche Konsequenzen sollte man für die Förderung ziehen - bei der Promotion als Selektionskriterium und bei der Nachwuchsrekrutierung insgesamt?

Es ist an der Zeit, die sogenannte Karriere-Promotion abzuschaffen, bei der der Doktortitel nur zum beruflichen Fortkommen jenseits der Wissenschaft angestrebt wird. Wenn die Unis sparsamer mit der Vergabe von Titeln sein sollen, muss dafür natürlich auch der hochschulpolitische Rahmen gesetzt werden. Solange die Zahl der Promotionen wesentliches Kriterium der leistungsbezogenen Mittelvergabe ist, kann das nicht klappen. Den besten Spitzennachwuchs, das haben internationale Vergleichsstudien immer wieder dokumentiert, gewinnt man durch eine gute Breitenförderung - weil die letztlich die Basis für eine Leistungselite ist, die diesen Namen auch verdient.

Interview: Daniel Alexander Schacht

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