Der Kampf um die Abwehr

Es müsste keine Masern geben

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Symbolbild

- Ein Niesen in der Kita, ein Gespräch in der Straßenbahn – schon kann man sich die Masern einfangen. Gerade gestern ist in Erftstadt bei Köln eine Schule geschlossen worden, weil zehn Kindern an Masern erkrankt sind. Wer glaubt, es handele sich dabei um eine leichte Kinderkrankheit, liegt leider falsch.

Schnell hat es einen erwischt: Ein Niesen in der Kita, ein Gespräch in der Straßenbahn – schon kann man sich die Masern einfangen. Gerade gestern ist in Erftstadt bei Köln eine Schule geschlossen worden, weil zehn Kindern an Masern erkrankt sind. Wer glaubt, es handele sich dabei um eine leichte Kinderkrankheit, liegt leider falsch. Die Infektion verursacht nicht nur einen harmlosen Hautausschlag, sie kann zu schweren Schäden führen, vor allem bei Erwachsenen. Weil sich in diesem Jahr die Masernfälle häufen, ist eine heftige Debatte um das Impfen entbrannt. Kinderärzte dringen auf eine Impfpflicht und fordern, ohne diesen Schutz solle es keinen Kita-Platz geben. Sogar der liberale Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr denkt nun über einen solchen Zwang nach.

„Die Masern sind eine der ansteckendsten Krankheiten überhaupt“, warnt das Robert-Koch-Institut. Ein Mensch, der nicht geimpft ist, könne sich schon infizieren, wenn er sich mit einem Erkrankten in einem Raum aufhalte. „Es ist verantwortungslos, wenn Eltern ihre Kinder nicht impfen lassen“, sagte Minister Bahr der „Bild“-Zeitung. Bleibe die Impfrate so niedrig, werde die Diskussion um die Impfpflicht kommen.

Das Ausmaß der Erkrankungen schwankt stark von Jahr zu Jahr: Deutschlandweit sind in diesem Jahr bislang über 1000 Menschen erkrankt, vor allem in Bayern und Berlin grassiert das Virus. 2012 waren hingegen nur 166 Menschen betroffen, 2011 wurden 1608 Fälle registriert. „Wenn das Virus erst mal eingeschleppt ist, wirkt das wie ein Dominoeffekt“, sagt Jürgen Christoph, Oberarzt am Kinderkrankenhaus auf der Bult in Hannover. Christoph unterstützt die Forderung nach einer Impfpflicht.

Seit 50 Jahren schon gibt es den lebenslangen Schutz vor dem gefährlichen Erreger. Zwei Spritzen sind nötig, um sich gegen die Krankheit zu immunisieren. Nicht nur die Mehrzahl der Ärzte, auch die Gesundheitsministerien und das Robert-Koch-Institut raten dringend zur Impfung. Doch viele Eltern halten diese offenbar für gefährlicher als die Infektion selbst. Weil die Krankheit heute vergleichsweise selten auftritt, wiegen sich viele in falscher Sicherheit. Und nicht wenige misstrauen der Pharmaindustrie.

Die Impfmüdigkeit führte in Deutschland dazu, dass viele Jugendliche und junge Erwachsene heute schlecht gegen Masern geschützt sind. Aus Sicht von Prof. Matthias Stoll, Infektiologe an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH), wird die Gefährlichkeit des Virus unterschätzt. Bei Kindern verlaufe die Erkrankung zwar meist glimpflich, doch könnten sich die Viren im Gehirn einnisten und eine Hirnhautenzündung auslösen. Dies führe nicht selten zu geistigen Behinderungen oder gar zum Tod. An dieser tückischen Spätfolge der Masern starb kürzlich ein 14-Jähriger in Nordrhein-Westfalen.

„Die Masernimpfung wird aus gutem Grund empfohlen, für Kinder und unter bestimmten Voraussetzungen auch für Erwachsene“, sagt Stoll. Allerdings hält er nichts von einer Impfpflicht. „Damit ruft man nur massiven Widerstand hervor.“

Bevor es zu weltweiten Impfungen kam, starben allein im Jahr 1980 weltweit 2,6 Millionen Menschen an den Folgen der Masern. Danach sank die Zahl deutlich. In den USA und Skandinavien hat eine Impfpflicht dazu geführt, dass die Masern nahezu ausgerottet sind. In Deutschland bestehen vor allem im Südwesten und in Berlin deutliche Impflücken. In Niedersachsen hatten 2011 nach Angaben des Landesgesundheitsamtes immerhin 92,9 Prozent der Schulanfänger bereits beide benötigten Impfungen. Seit Jahresbeginn wurden erst 14 Masernfälle bekannt.

Auf dem Vormarsch

  1. Keuchhusten: Die Infektionskrankheit galt eigentlich als besiegt. In den achtziger Jahren hatten Forscher einen neuen, besser verträglichen Impfstoff entwickelt. Zwar sind 90 Prozent der Grundschüler inzwischen geimpft, doch die Krankheit ist nicht verschwunden. Bei Erwachsenen lässt der Impfschutz oft nach. Die Bakterien werden durch Aushusten per Tröpfcheninfektion übertragen.
  2. Mumps: Der sogenannte Ziegenpeter breitet sich bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen wieder aus. Die Analyse eines Ausbruchs in Bayern hat ergeben, dass mehr als 60 Prozent der Erkrankten zweimal geimpft waren. Offenbar nimmt die Immunität mit zunehmendem Alter ab, auch eine Veränderung der Viren wird angenommen. Die Stiko (Ständige Impfkommission) empfiehlt Kindern sowie Lehrern, Betreuern und medizinischem Personal eine Impfung mit dem MMR-Impfstoff, der gegen Mumps, Masern und Röteln wirkt.
  3. Poliomyelitis: In Asien und Afrika steigt die Zahl von Polio-Fällen wieder an. Die Viruserkrankung, die einst Millionen von Kindern betroffen hatte, attackiert das Nervensystem und führt zu Lähmungen und Deformierung von Gliedmaßen. Sie wird durch verseuchtes Trinkwasser verbreitet. In den meisten westlichen Industriestaaten ist Polio seit den Massenimpfprogrammen in den fünfziger Jahren quasi ausgerottet. Deutschland gilt seit 2002 als poliofrei. Ärzte sehen die Gefahr aber nicht gebannt und fordern auch künftig ausreichenden Impfschutz. kau

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