Gletschermumie

“Ötzi“ vor 20 Jahren in den Alpen entdeckt

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Vor 20 Jahren entdeckten deutsche Touristen “Ötzi“.

Bozen - Vor 20 Jahren haben deutsche Touristen “Ötzi“ entdeckt. Wie kaum eine Leiche zuvor beflügelte der „Eismann“ die Fantasie der Menschen und stachelte den Wissensdurst der Forscher an. Es gab Gen-Tests, Prozesse um den Finderlohn und Gerüchte um einen „Fluch der Mumie“.

Als das Nürnberger Ehepaar Simon 1991 beim Abstieg aus den Ötztaler Alpen eine braune Leiche im Eis erblickte, war die Tragweite des grausigen Fundes noch nicht klar. Ein Jahr später prangte der zerschundene Kopf von “Ötzi“, wie die Gletschermumie nach ihrem Fundort auch genannt wird, schon auf der Titelseite des US-Nachrichtenmagazins „Time“ - Untertitel: „The Iceman’s Secrets“.

Viele dieser „Geheimnisse des Eismannes“ haben die Forscher inzwischen herausgefunden, andere liegen noch im Dunkeln. Am Montag jährt sich seine Entdeckung zum 20. Mal.

„Schau mal, was da liegt! Das ist ein Mensch“, habe ihr Mann ausgerufen, erinnert sich Erika Simon. Anfangs hätten sie allerdings geglaubt, der Tote sei höchstens vor 40 bis 50 Jahren gestorben und nun vom schmelzenden Gletschereis freigegeben worden, erzählte die 71-Jährige. Und mit ihrer Meinung waren sie nicht allein.

Eher desinteressiert an einer Bergung nahm die italienische Polizei den Fund zur Kenntnis. Denn der heiße Sommer damals hatte bereits sechs andere tote Wanderer aus ihrem Eisgrab befreit. Erst die österreichischen Behörden ließen die Mumie nach Innsbruck bringen, um sie an der Universität untersuchen zu lassen.

Dann folgte eine Überraschung nach der anderen. Zunächst nahm man an, “Ötzi“ sei höchstens 100 Jahre tot, so gut erhalten, so „modern“ habe die Mumie gewirkt. Dann schätzten die Forscher, dass er im Mittelalter gelebt haben dürfte. Dem Südtiroler Extrembergsteiger Reinhold Messner schwante schon bald: „Mit dem Mannd’l stimmt was net.“ Doch was Gerichtsmediziner schließlich entdeckten, konnte selbst der „Bezwinger der Achttausender“ nicht ahnen. Die Leiche stammte aus der Kupferzeit - “Ötzi“ lebte vor mehr als 5000 Jahren.

„Frozen Fritz“

Die Erkenntnis machte den „Frozen Fritz“ - wie die Mumie im angelsächsischen Raum genannt wird - über Nacht zur Weltsensation. Es war das erste Mal, dass leicht vergängliche Teile - wie Fell, Holz oder der gesamte Körper - über einen so langen Zeitraum erhalten geblieben waren, schwärmten Wissenschaftler mit glänzenden Augen.

Doch es gab auch viel Ärger um den sensationellen Fund. Jahrelang stritten sich Österreich und Italien, bevor “Ötzis“ italienische „Nationalität“ eindeutig festgestellt werden konnte. Erst 1998 wurde die Mumie von Innsbruck nach Bozen gebracht, wo sie seitdem bei minus 6 Grad Celsius und einer relativen Luftfeuchtigkeit von 98 Prozent in einer Kühlzelle des Archäologischen Museums liegt.

Noch länger dauerte der Prozess zwischen Italien und den Entdeckern aus Nürnberg um eine nicht nur finanzielle Anerkennung: Erst vor wenigen Jahren endete der Rechtsstreit nach zwei Instanzen mit der Zahlung eines Finderlohns von über 150.000 Euro.

Sechs Todesfälle im “Ötzi“-Umkreis sorgten zudem für finstere Gerüchte über einen „Fluch der Mumie“. So fand man Entdecker Helmut Simon 2004 tot in einem Gebirgsbach in den österreichischen Alpen. Der Urgeschichtler Prof. Konrad Spindler, der die Mumie an der Uni Innsbruck untersucht hatte, starb Anfang 2005 im Alter von nur 66 Jahren. Hunderte von Menschen haben “Ötzi“ im Laufe der Jahre untersucht - „es ist daher nicht ungewöhnlich, dass einige von ihnen nicht mehr leben“, wie das Museum in Bozen anmerkt.

Vieles über den „Ur-Tiroler“ haben die Forscher herausgefunden. Geschwächt durch Rippenbrüche und eine Pfeil-Verletzung in der linken Schulter starb “Ötzi“ vor etwa 5300 Jahren vermutlich 90 Meter von der Grenze entfernt auf heute italienischem Gebiet. Er war etwa 47 Jahre alt - für damalige Verhältnisse uralt - und vermutlich auf der Flucht. Auch seine Kleidung (ein Fellmantel, „Leggins“ aus Pelz, grasgefüllte Schuhe aus Rindsleder und eine Mütze) und seine Waffen (Pfeil, Bogen und Axt) sind mehr oder weniger bekannt.

95 Prozent seiner DNA konnten dank modernster Technik inzwischen gelesen werden. Ein Fachartikel zur Interpretation der Gene soll voraussichtlich zeitgleich mit einem Ötzi-Kongress vom 20. bis 22. Oktober in Bozen erscheinen. Besonders mögliche Nachfahren des Gletschermannes, aber auch Aufschlüsse über eventuelle genetische Ursprünge von heute häufigen Krankheiten wie etwa Diabetes, Krebs oder Alzheimer interessieren die Forscher dabei. Aber viele Fragen warten noch auf eine Antwort, zum Beispiel: Vor wem war er auf der Flucht? Und was bedeuten all seine Tätowierungen?

dpa/kas

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