200. Jubiläum

Otto, der Modernisierer

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Foto: Voller Widersprüche: Otto von Bismarck.

Berlin - Er hat Sozialisten verfolgt, Kriege geführt, ein Reich gegründet - und unfreiwillig die Grundlagen der mordernen Bürgergesellschaft gelegt. Zum 200. Geburtstag des eisernen Kanzlers Otto von Bismarck.

Modern war Otto von Bismarck vom Typ her gewiss nicht. Der Sprössling eines alten Junkergeschlechts aus der Altmark, am 1. April vor 200 Jahren in der Provinz Sachsen geboren, war fest verankert in der Monarchie und misstraute den demokratischen Parteien zutiefst. Dem Volk die Macht zu überlassen, das wäre ihm nicht in den Sinn gekommen. Und doch hat Bismarck mit seiner Politik die Gesellschaft modernisiert - unfreiwillig und stets im Bestreben, seine eigene Macht zu stärken.

Dass Absicht und Wirkung Welten voneinander entfernt sein können, hat Bismarck in 28 Jahren Politikgestaltung - von der ­Ernennung zum preußischen ­Ministerpräsidenten 1862 bis zur Entlassung als Reichskanzler 1890 - mehr als einmal erfahren. Ein Beispiel: Dem Adelsspross waren die Liberalen, die vor allem vom gut betuchten, wohlhabenden Bürgertum gewählt wurden, ein Ärgernis. Im preußischen Dreiklassenwahlrecht, wo das Stimmgewicht an den Umfang der Steuerlast geknüpft war, hatten die Liberalen eine starke Stellung. Diese suchte Bismarck zu schwächen, als er für die Reichstagswahlen das allgemeine Wahlrecht für alle Männer einführte. Er hoffte, die Masse der Landbewohner würde Konservative, die Masse der städtischen Unterschichten Sozialdemokraten wählen - und damit die Liberalen in Schach halten. Die Rechnung ging auf. Aber Bismarck wurde, gegen seine Überzeugung, zum Vater des allgemeinen und gleichen Wahlrechts (wenn auch nur für Männer).

Ähnlich war es mit der Sozialversicherung: Bismarck schuf die Krankenversicherung, die Arbeitslosenversicherung und schließlich auch die Rentenversicherung. Er tat es, um mit einer besonders sozialen Politik den Sozialdemokraten Wind aus den Segeln zu nehmen. Die Versicherungen bewährten sich, sie gelten bis heute. Sein Ziel, die Sozialisten auf diese Art klein zu halten, ist Geschichte.

Erinnern wir in diesen Tagen also an einen großen Modernisierer?

Vieles trägt in Deutschland seinen Namen: Es gibt Bismarcktürme, Bismarcksäulen, Bismarckstraßen, Bismarckschulen, sogar Bismarckbahnhöfe. Ein Mineralwasser und ein Korn sind nach ihm benannt, und der Bismarckhering gilt als Delikatesse: Er wird in einer sauren Marinade aus Essig, Speiseöl, Zwiebeln, Senfkörnern und Lorbeerblättern eingelegt. Legenden ranken darum, warum der Fisch nach Bismarck benannt ist: Entweder hat diese Art der Zubereitung dem Kanzler besonders geschmeckt - oder sie hat ihm, der oft kränklich war, als Diät geholfen.

In beiden Varianten ist es die menschliche, weiche Seite Bismarcks, die zum Vorschein kommt. Dabei hatte er doch selbst, in den von seinem Privatsekretär Lothar Bucher festgehaltenen Erinnerungen, ein anderes Bild von sich prägen wollen: das des eisernen Kanzlers. Nicht durch Reden und parlamentarische Mehrheitsbeschlüsse werde Geschichte gestaltet, formulierte Bismarck einst, „sondern durch Eisen und Blut“.

Und so jemand soll Vorbild sein?

Die Antwort führt wieder zu den Widersprüchen dieser Person. Der Berliner Historiker Arnd Bauerkämper sagt: „Bismarck war nicht so rücksichtslos und entschlossen, wie er in der Nachwelt erscheinen wollte. Er hat oft gezögert, abgewogen und erst im letzten Moment entschieden.“ Trotzdem oder gerade deshalb war der preußische Ministerpräsident und erste Reichskanzler ein außergewöhnlicher Politiker. Dreierlei zeichnet ihn aus: langer Atem, politisches Geschick und Erfolg. In immer wieder neuen Koalitionen hat er seine Interessen weitgehend durchgesetzt, oft gegen erhebliche Widerstände. Aber er war umsichtig, hatte ein Sensorium für Stimmungen. Das ist heute für Politiker selbstverständlich. Seinerzeit war er eine Ausnahme.

Als großartiger Diplomat, der stets überlegt geredet hätte, trat er dabei allerdings selten auf. Er wird als übellaunig und jähzornig beschrieben, provozierte oft Streit. Aber er handelte meistens rational. Bismarck war der Kanzler des preußischen Königs und späteren deutschen Kaisers Wilhelm I., ihm war er verantwortlich. Der Reichstag, das Parlament, spielte eine Nebenrolle. Bismarcks Innenpolitik sollte immer dem Ziel dienen, die Macht der Krone zu sichern und die demokratischen Kräfte zurückzudrängen.

Bismarck, Sohn eines gutmütigen adeligen Rittmeisters und einer ehrgeizigen bürgerlichen Mutter, wurde in Schönhausen bei Stendal geboren, wuchs in Hinterpommern auf einem Landsitz auf. Er blieb zeitlebens ländlich und konservativ geprägt - und hielt Distanz zu den neuen politischen Kräften, die in den Städten entstanden. Der Reihe nach bekämpfte er sie. Das katholische Zentrum im „Kulturkampf“: Geistlichen wurde verboten, von der Kanzel herab die Regierung zu kritisieren, die Zivilehe wurde eingeführt. Der Zentrumspolitiker Ludwig Windthorst, der mit dem hannoverschen Welfenhaus verbündet war, galt als sein Intimfeind. Des Kanzlers Rechnung ging indes nicht auf, das Zentrum behielt seine Stärke.

Nicht anders geschah es mit den Sozialisten: Als die SPD-Vorläufer bei den Reichstagswahlen immer stärker wurden, setzte Bismarck die Sozialistengesetze durch - ihre Zeitungen durften nicht erscheinen, SPD-Politiker wurden ausgegrenzt und am Arbeitsplatz verfolgt. Die Hetzkampagne aber stärkte die Sozialdemokraten bei den Wahlen noch. Die Liberalen wollte Bismarck bekämpfen, hielt sie mit der Einführung des allgemeinen Wahlrechts kurz. Er setzte gegen die Liberalen als Vertreter des unternehmerischen Bürgertum Schutzzölle durch - ein Zugeständnis vor allem an die Landwirtschaft. Der Kampf gegen diese Gruppe war am Ende vielleicht sein erfolgreichster. Anders als etwa in Großbritannien konnten die Liberalen in Deutschland nie zu einer wirklichen Größe werden.

Keine Häme für Kriegsverlierer

Seine eigentliche Bedeutung allerdings wird Otto von Bismarck wegen der Außenpolitik zugesprochen. Zunächst noch, ganz traditionell, in seinem Wirken als Feldherr. Im Konflikt mit Dänemark ging es um Schleswig-Holstein, der Krieg wurde gewonnen. Dann führten die Preußen Krieg gegen die zweite starke Macht in Deutschland, die Österreicher. Nach dem Sieg, der auch für die mit Österreich verbundenen Hannoveraner eine Niederlage war, kostete Bismarck seine Dominanz nicht aus, er ging mit den Verlierern pfleglich um. Einer deutschen Einigung stand jetzt nur noch Frankreich im Wege.

Kaiser Napoleon III. hatte schon lange geplant, die süddeutschen Länder, die Distanz zu Preußen hielten, auf seine Seite zu ziehen. Ein preußisch-französischer Krieg lag 1870 nahe. Streit zwischen beiden hatte es wegen der spanischen Thronfolge gegeben. In der „Emser Depesche“ formulierte Bismarck das Nein seines Kaisers zu den französischen Forderungen so drastisch, dass der empörte Napoleon den Preußen den Krieg erklärte. Die süddeutschen Länder zeigten sich solidarisch mit Preußen, das übrige Europa verstand die Pariser Kriegserklärung nicht und blieb neutral. Am Ende war Frankreich isoliert und verlor den Krieg. Bismarck gründete das Deutsche Reich im Spiegelsaal von Versailles.

Wieder aber, wie nach dem Sieg über Österreich, hielt Bismarck sich zurück. Behutsamkeit wurde sein Credo. Noch einmal Krieg führen? Nicht mit Bismarck. Nach fernen Kolonien streben? Nicht mit Bismarck. Das neue Deutsche Reich hochrüsten? Nicht mit Bismarck. Als der neue deutsche Kaiser Wilhelm II. 188 den Thron bestieg, ging die Ära Bismarck zur Neige. Wilhelm II. hegte Großmachtsfantasien - der eiserne Kanzler hatte noch 1878 zwischen Österreich und Russland vermittelt, wollte Friedensstifter sein.

Heute berufen sich viele auf Bismarck, vor allem jene, die einen Bruch mit Russland fürchten. Sie loben, wie sehr Bismarck auf das Gleichgewicht der Mächte in Europa geachtet und auch die russischen Interessen respektiert habe. Altkanzler Gerhard Schröder zählt dazu. Er sagte jüngst über Bismarck: „Er ist einer der ganz Großen der deutschen Geschichte. Das kann und darf auch ein Sozialdemokrat nicht bestreiten.“ 1978, zum 100. Jahrestag der Sozialistengesetze, hatte der damalige Juso-Chef nur Empörung für Bismarck übrig. Heute sagt er versöhnlich: „Er war sicher ein Sozialistenfresser, hat aber auf der anderen Seite Sozialdemokratisches bewirkt.“ Ein Modernisierer also?

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