Havel-Zuwanderer Wollhandkrabben

Plage und Delikatesse zugleich

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Foto: Fischer Wolfgang Schröder hält eine Wollhandkrabbe in der Hand. Als Zuwanderer kamen die Chinesischen Wollhandkrabben in die Havelregion.

Potsdam - Als Zuwanderer kamen die Chinesischen Wollhandkrabben in die Havelregion. Sie machten sich hier schnell breit und Fischern das Leben schwer. Zwischen beiden besteht jetzt eine Art Hassliebe.

Für die Havelfischer in Brandenburg und Sachsen-Anhalt sind sie teils eine Plage. Die eingewanderten Chinesischen Wollhandkrabben zerstören Netze und Reusen und sie fressen auch schon mal den Fang. Natürliche Feinde haben sie nicht. Doch das ändert sich. In der Region gibt es immer mehr Menschen, die die ursprünglich im chinesischen Meer beheimateten Wasserbewohner als Spezialität schätzen und sie buchstäblich zum Fressen gern haben. In Asien gehören sie ganz selbstverständlich auf den Speisezettel. Der Geschmack des Krabbentieres ähnelt dem von Krebsen. Das Aussehen ist aber erst einmal sehr gewöhnungsbedürftig.

Selbst bei der Betrachtung des Fotos ausgewachsener Tieres zuckt man zurück: Ein gepanzerter Körper, zwei große Scheren, sechs behaarte spinnenartige Beine. Ausgestreckt kommen sie auf eine Größe von bis zu 30 Zentimeter. Allein der runde Panzer ist bis zehn Zentimeter groß. Im Restaurant "Fischerstube" in Warnau bei Havelberg in Sachsen-Anhalt kommen die Krabben auf den Teller - jedoch nur auf Vorbestellung. "Sie werden gedämpft und mit einer Ingwer-Balsamicosoße serviert", sagt Inhaberin Sabine Schulz. Verzehrt wird das Muskelfleisch. Die Nachfrage steigt. Derzeit sind die Tiere allerdings noch zu klein. Fischer Sven Ahlendorf aus Havelberg kann seine Fangchancen mit dem Blick aufs Thermometer abschätzen. "Wenn die Temperaturen steigen, gehen mehr Krabben ins Netz", berichtet er. Hauptfangzeit sei von Juli bis September.

Etwa 15 Kilogramm können ihm bei einer Ausfahrt ins Netz gehen - mal mehr, mal weniger. "Doch ein Problem bleibt: vor ihren scharfen Scheren ist kaum ein Kunststoffnetz sicher", stöhnt Ahlendorf. Materialien von 1,2 Millimeter Dicke werden locker durchgeknackt. Bereits gefangene Fische sind verloren. "Die Chinesische Wollhandkrabbe gelangte um die Jahrhundertwende nach Europa", erzählt Erik Fladung vom Institut für Binnenfischerei Potsdam-Sacrow. Vermutlich wurden sie in den 1920er Jahren mit dem Ballastwasser von Handelsschiffen in Elbe und Weser eingeschleppt. Von dort breiteten sie sich rasant aus. Ein paar Jahrzehnte lang war Ruhe, dann wiederholte sich nach der Wende das Phänomen des massenhaften Auftretens. Grund war vermutlich die bessere Wasserqualität. In Brandenburg und Sachsen-Anhalt liefen Mitte der 1990er Jahre Forschungsprojekte, unter anderem um eine effektive Bestandsdezimierung zu prüfen. Auch Verwertungskonzepte wurden entwickelt. "Natürliche Fressfeinde hat die Krabbe kaum", sagt Fladung.

Zur Vermehrung brauchen sie Salzwasser. Zum Ablaichen wandern sie hunderte Kilometer die Flussläufe hinunter. Die Jungtiere kehren von dort wieder zurück - und schaffen flussaufwärts etwa zwei bis drei Kilometer am Tag. Die Vermarktung als Delikatesse bringt den Fischern keinen allzugroßen Gewinn. Mit einzurechnen sind auch Schäden an Netzen, der Aufwand für Reparaturen und Fangausfälle. Nach Angaben von Fladung ist der Bestand nur mit großem Aufwand auf Dauer zu dezimieren. Die Tiere können zwar auf ihren Laichzügen eingefangen werden. Außerdem gibt es spezielle Fanganlagen. "Sie bringen aber nicht immer 100-prozentigen Erfolg", sagt der Experte. Die Vermarktung der lebenden Tiere an asiatische Restaurants laufe, sagt der Geschäftsführer der Fischereischutzgenossenschaft Havel in Brandenburg/Havel, Ronald Menzel. "Das machen die Fischer aber direkt." Mengen könne er nicht nennen. "Das spielt aber im Vergleich zum normalen Fang keine große Rolle", betont er.

Der Brandenburger Fischer Werner Schröder aus Strohdene konnte sogar im chinesischen Staatsfernsehen seine Fangerfolge präsentieren. Ein Reporterteam hatte ihn begleitet. In China sind die Krabben eine beliebte Delikatesse. Neben den Wollhandkrabben sind in die Gewässer der Region auch der Amerikanische Flusskrebs, der Galizische Sumpfkrebs und der Signalkrebs eingeschleppt worden. In den etwa 3000 Brandenburger Seen und knapp 30 000 Kilometern Fließgewässern tummeln sich etliche Fischarten. Eingeschleppt wurden unter anderem die Regenbogenforelle, die erst seit 150 Jahren hier heimisch ist. Doch auch der Blaubandbärbling oder der Zwergwels sind keine Ur-Brandenburger - aber mittlerweile etabliert.

dpa

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