Fachtagung

300 000 Schüler verweigern sich in Deutschland dem Unterricht

- Eine Fachtagung in Osnabrück offenbart erschreckende Zahlen: Rund 300 000 Schüler verweigern in Deutschland einen regelmäßigen Schulunterricht und haben damit kaum Chancen auf Ausbildung und ein erfolgreiches Berufsleben.

Ihnen könne nur mit einer engen Vernetzung zwischen Schule und Jugendhilfe geholfen werden, sagte am Dienstag Professor Karlheinz Thimm von der Evangelischen Fachhochschule Berlin bei einer Fachtagung in Osnabrück. Problemfamilien müssten aufgesucht werden. „Schule muss aber auch ein Ort sein, an dem man sich wohl fühlt“, sprach Thimm zugleich die Rolle der Lehrer an. Schüler, die im Halbjahr mehr als zehn Tage unentschuldigt fehlen, gelten als Schulverweigerer.

Beharrlichen Schulschwänzern sollte nach Ansicht Thimms das Fernbleiben von der Schule so unbequem wie möglich gemacht werden. „Man sollte die Schüler dabei stören, wenn sie sich in eine Alternative jenseits der Schülerrolle einnisten“, sagte Thimm, der an der Evangelischen Fachhochschule Berlin lehrt, am Dienstag am Rand der Fachtagung in Osnabrück. Allerdings fordert Thimm auch von den Lehrern, sich stärker um hilfsbedürftige und gemobbte Schüler zu kümmern.

Ständiges Schulschwänzen kann nach Feststellung Thimms drei wesentliche Ursachen haben: Es gebe Schüler mit großen Lebensproblemen in der Familie, die den Kindern und Jugendlichen „Blei in die Glieder“ bringen. Dann gebe es wiederum Kinder, die seit der Grundschule im Vergleich mit anderen Schülern Schlechtes erleben. „Die fühlen sich klein und mickrig und minderwertig.“ Eine dritte Gruppe von Schülern schließlich „rutsche“ nach gelegentlichem Schwänzen in die Schulverweigerung immer stärker hinein. „Da macht einer am Anfang mal ein paar Stunden blau und kommt dann in Kreisläufe von Lügen und schulfeindlichen Realitätskonstruktionen hinein, die ihn schleichend wegführen von der Rolle als Schüler, der seinen Job macht.“

Gerade bei dieser dritten Gruppe sei es wichtig, die Schüler beim Schwänzen zu stören. Es sei beispielsweise eine gute Idee, wenn in der Stadt während der Unterrichtszeit herumlungernde Jugendliche gezielt von Polizeistreifen angesprochen würden. Auch der Anruf der Schule in der Familie oder den Betreuern in der Jugend-Wohngemeinschaft sei gut, wenn der Schüler im Unterricht fehle.

Die Aufgaben von Sozialarbeitern bei familiären Problemen könnten Lehrer allerdings nicht übernehmen, betonte Thimm. „Das kann man nicht von der Schule verlangen. Die Schule muss dafür sorgen, dass die Schüler nicht im Einflussbereich der Schule geschwächt werden“, forderte der Wissenschaftler. So müssten die Lehrer verstärkt auf Mobbing unter den Schülern achten und darauf, dass die Klassengemeinschaft intakt sei. „Aufpassen, wie die Schüler-Schüler-Beziehungen ablaufen am Vormittag, das würde ich der Schule schon ins Pflichtenheft schreiben“, sagte Thimm.

lni

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