Raumfahrt

Simulierte Mars-Landung in Moskau

- Seit acht Monaten leben sechs Männer isoliert in einem Container in Moskau - auch im Dienst der deutschen Forschung. Sie simulieren einen Flug zum Mars und zurück. Nun hat die Besatzung ihr erstes Ziel erreicht und darf kurz aussteigen. Die schwerste Phase kommt erst.

Nach 250 Tagen im Container sieht die russisch-europäisch-chinesische Raumfahrt-WG in Moskau an diesem Samstag (12. Februar) „Rot“. Dann landen die seit mehr als acht Monaten von der Außenwelt fast völlig isolierten Teilnehmer des Raumfahrt-Experiments virtuell auf dem Mars. Der Rote Planet, der seinen Beinamen wegen des rötlichen Eisenoxidstaubs trägt, wird in Moskau von einer dunklen Halle mit Sand und Steinen dargestellt. Zwar steht ein bemannter Mars-Flug in den Sternen. Doch seit Juni 2010 simulieren insgesamt sechs Männer aus Russland, China, Italien und Frankreich in dem Projekt Mars500 die über 100 Millionen Kilometer weite Reise.

„Diese geschlossene Gesellschaft ist ein Paradies für Forscher“, sagt Alexander Choukèr von der Ludwig-Maximilians-Universität München der Nachrichtenagentur dpa. Der Anästhesist nutzt die Isolation der „Raumfahrer“, um mithilfe ihrer Urin- und Speichelproben die Wirkung von Stress auf das Immunsystem zu untersuchen. Parallel analysieren Wissenschaftler der Universität Erlangen die Balance des Salz- und Wasserhaushalts, sagt Arzt Jens Titze. “20 Millionen Deutsche haben einen zu hohen Blutdruck, wir prüfen den Einfluss von Kochsalz.“ Dafür müssen die sechs Männer einen strengen Diätplan einhalten. „Die Essensvorgabe ist eine Riesenbelastung“, weiß Titze.

„Das Experiment ist kein Spiel, sondern ein Projekt auf Weltniveau“, schwärmt Direktor Igor Uschakow vom Moskauer Institut für biomedizinische Probleme IBMP, auf dessen Gelände das „Raumschiff“ steht. In röhrenförmigen Modulen sind dort Forschungs-, Versorgungs-, Wohn- und Landetrakt untergebracht. Dunkle Holzvertäfelung verbreitet sowjetischen Charme. Wie bei der TV-Show „Big Brother“ übertragen Kameras im fensterlosen Container das Geschehen in einen benachbarten Kontrollraum. Gespräche werden aber nicht mitgehört. „Natürlich kommt es „an Bord“ zu Konflikten“, räumt Boris Morukow vom IBMP ein. „Dann raten wir den Männern zur Aussprache.“ Bisher sei alles gut gegangen.

An der „Reise“ vom Roten Platz zum Roten Planeten beteiligen sich das Deutsche Luft- und Raumfahrtzentrum DLR sowie die Europäische Weltraumbehörde ESA mit etwa zwei Millionen Euro. „Zwei Tage nach der virtuellen Landung wird am 14. Februar - pünktlich zum Valentinstag - vermutlich der Russe Alexander Smolejewski als erster Mensch den „Mars“ betreten“, erzählt DLR-Manager Peter Gräf. Danach folge wohl der Italiener Diego Urbina. Bei ihrem Ausflug dürfen sie jedoch weder Familie, Freunde noch Forscher treffen.

Nach insgesamt drei Spaziergängen dauert der „Rückflug“ acht Monate, bis sich am 5. November die versiegelte Luke öffnet. „Das ist wegen der Monotonie die schwerste Phase“, meint Gräf. Jeder Teilnehmer kann das Experiment aber jederzeit abbrechen.

An einem ersten, damals 105 Tage langen Moskauer Marsflug-Versuch hatte im vergangenen Jahr der Bundeswehr-Hauptmann Oliver Knickel teilgenommen. Der Offizier wird am kommenden Montag von der deutschen DLR-Zentrale aus den Ausstieg seiner Nachfolger in der russischen Hauptstadt verfolgen. „Man muss so tun, als sei man auf dem Weg zum Mars und zurück - obwohl sich die Container nicht von der Stelle rühren. Da ist Fantasie gefragt“, sagt der 30-Jährige der dpa.

Um die Monotonie zu durchbrechen, führen Smolejewski und Urbina sowie Alexej Sitjow, Suchrob Kamolow, Romain Charles und Wang Yue auf den insgesamt 180 Quadratmetern zahlreiche Experimente durch. Zudem spielt die IBMP-Leitung immer wieder simulierte Probleme wie einen 20-stündigen Ausfall der Wasser-, Frischluft- und Stromversorgung vor, die die Männer ohne große Hilfe von außen lösen müssen. Daneben schlagen die „Raumfahrer“ die Zeit mit Musizieren oder Kochen tot. „Zwar fehlen bei unserem Experiment die Schwerelosigkeit und die Strahlung im Weltraum“, räumt IMBP-Sprecher Mark Belakowski ein. „Für die Grundlagenforschung ist das Projekt aber unersetzbar.“

dpa

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