Psychiater schlagen Alarm

Stress im Job macht krank

+
Foto: Seit Jahren steigt die Zahl psychischer Erkrankungen.

Berlin - Seit Jahren steigt die Zahl psychischer Erkrankungen. Auf die alarmierenden Berichte der Krankenkassen antworten Psychiater und Therapeuten jetzt mit einem dringlichen Appell: Arbeitgeber, Gewerkschaften und Politik müssten endlich gegen Stress am Arbeitsplatz vorgehen.

In den meisten anderen EU-Staaten sei die psychische Belastung anderen medizinischen Risiken wie Lärm, Licht oder Vibration längst rechtlich gleichgestellt, heißt es in einem Positionspapier, das der Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) heute in Berlin vorstellt. Der Fachverband kritisiert zudem die öffentliche Burnout-Debatte. Burnout, das Gefühl des Ausgebranntseins, sei keine Krankheit, sondern ein Problem der Überforderung im Beruf.

Was ist ein "Burnout"? Die Frage beschäftigt Psychiater und Therapeuten seit langem. Das Positionspapier räumt ein, dass es nach wie vor keine verbindliche Begriffserklärung gibt. Die Diagnose liege im ärztlichen Ermessen. Der Fachverband empfiehlt, Schlafprobleme, Angespanntheit und Erschöpfungszustände, die vorübergehend auftreten, nicht als Burnout einzustufen. Ansonsten bestehe die Gefahr, das Arbeitsleben zu "pathologisieren".

Sollte der Zustand jedoch über mehrere Wochen und Monate andauern, müsse ein Burnout vermutet werden. Häufige Ursachen seien Arbeitsüberlastung infolge von Stellenabbau, mangelnde Anerkennung von Vorgesetzten, aber auch hohe Ansprüche an die eigene Arbeitsleistung. Zu den Risikofaktoren einer sich ständig verändernden Arbeitswelt gehörten der Zusammenbruch des Gemeinschaftsgefühls, Wertkonflikte, geringe Belohnung und fehlende Fairness. Burnout, so stellt die DGPPN klar, sei zwar keine Krankheit, berge jedoch das Risiko für Erkrankungen wie Depressionen, Hörsturz oder Infektionen.

Das Papier warnt eindringlich davor, psychische Erkrankungen unter dem Oberbegriff Burnout zu fassen. Viele Kliniken, die sich auf Burnout-Patienten spezialisiert haben, vermittelten den Eindruck, als könne jede psychische Störung mit Wellness-Methoden wie Entspannungsübungen und gutem Essen behoben werden. Damit bestehe die Gefahr, dass Erkrankungen wie Depressionen nicht frühzeitig behandelt werden. Die Mediziner fürchten zudem eine neue Stigmatisierung depressiv erkrankter Menschen: In der öffentlichen Debatte werde der Begriff Burnout zunehmend mit einer Erkrankung der Leistungsträger, der "Starken", gleichgesetzt; Depressionen dagegen mit einer Erkrankung der "Schwachen".

Der Fachverband plädiert in seinem Papier für mehr Prävention in den Betrieben. Vorrangig seien die Arbeitgeber und nicht das Gesundheitssystem gefordert. Mittlerweile gebe es eine Fülle an Konzepten und Empfehlungen. Notwendig seien Beratungsstellen, aber auch die Einbindung von Betriebsärzten. Bei innerbetrieblichen Umstrukturierungen empfiehlt die DGPPN eine begleitende "psychosoziale Gefährdungsbeurteilung".

Laut AOK hat die Überlastung im Job im vergangenen Jahr bei etwa 100.000 Beschäftigten zu 1,8 Millionen Fehltagen geführt. Seit 1999 beträgt der Anstieg der Fehlzeiten aufgrund von psychischen Erkrankungen 80 Prozent. In Bezug auf arbeitsbedingte Erkrankungen betragen die jährlichen Kosten der gesetzlichen Krankenkassen 17 Milliarden Euro.

Auch in Brüssel werden psychische Erkrankungen mittlerweile als eine der größten Herausforderungen für den Gesundheitsschutz bei der Arbeit gewertet. Eine Studie kam 2005 zu dem Ergebnis, dass Stress europaweit das zweithäufigste arbeitsbedingte Gesundheitsproblem ist. 2005 war jeder vierte europäische Arbeitnehmer betroffen. Seit 2004 gibt es eine EU-Vereinbarung der Sozialpartner zum Schutz vor arbeitsbedingtem Stress. Deutschland gehört zu den wenigen Ländern, in denen die Vereinbarung bislang nicht zu rechtsverbindlichen Regelungen geführt hat.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare