Blackout in Hannover

Stromausfälle und die Geschichte mit dem Baby-Boom

Hannover - Die Geschichte klingt einfach zu romantisch – und macht wohl auch deshalb regelmäßig die Runde, wenn es irgendwo auf der Welt zu einem großen Stromausfall kommt: Kaum ist der Blackout da, sprechen alle vom "Baby-Boom", der in neun Monaten zu erwarten sei. Doch was ist dran an dieser Geschichte?

Der Strom war erst wenige Minuten wieder zurück in Hannovers Netzen, da machten bereits die ersten Witze im Internet die Runde. "Wenn das mal keinen Baby-Boom in neun Monaten gibt", schrieb ein Nutzer bei Facebook und sprach damit aus, was nicht wenige in dem Moment gedacht haben dürften: Kaum ist der Strom weg, rücken die Menschen zusammen und kommen sich näher. Weil Fernseher nicht funktionieren, bleibt eben mehr Zeit für Zweisamkeit. "Kein Licht = mehr Kinder", lautet die simple Formel, in der auch ein wenig Romantik mitschwingen soll.

Um die These vom Anstieg der Geburtenraten nach Stromausfällen zu untermauern, wird gern der große Blackout von New York im Jahr 1965 herangezogen. Zehn Stunden saßen damals Hunderttausende Menschen im Dunkeln. Im folgenden Jahr titelte die "New York Times" schließlich: "Hohe Geburtenrate neun Monate nach dem Blackout" und führte die Zahl der Neugeborenen in den jeweiligen Krankenhäusern an.

Fünf Jahre später untersuchte jedoch Richard Udry von der University of North Carolina die Statistiken und kam zu dem Schluss, dass es gar keinen Baby-Boom gegeben habe. So bewege sich der Anstieg pro Krankenhaus im niedrigen, meist einstelligen Bereich, schrieb er in dem Fachmagazin Demography – statt durchschnittlich sieben Geburten pro Tag gab es zum Beispiel in St. Vincent's Hospital an dem entsprechen Tag zehn Geburten, in einem anderen Krankenhaus statt zehn plötzlich 13. Für Statistiker eine durchaus übliche Abweichung vom Mittelwert. "Viele Menschen finden wohl Gefallen an der Vorstellung, dass Menschen, die durch ein unvorhergesehenes Ereignis von ihren gewöhnlichen Tätigkeiten abgehalten werden, sich häufig der Kopulation zuwenden", schloss Udry.

Auch nach einem heftigen Blizzard im Osten der USA am Anfang dieses Jahres erklärten Wissenschaftler, dass am Mythos vom Baby-Boom nicht viel dran sei. Mehrstündige oder gar mehrere Tage andauernde Isolation sei für Paare wohl eher ein Grund, über eine Trennung nachzudenken, als zu sagen: "Komm, wir starten eine Familie", erklärte der US-Politologe dem "Chicago Tribune".

In einigen Stadtteilen von Hannover dürfte sich das Thema ohnehin von selbst erledigt haben. Als in der Südstadt am Mittwochabend nach gut zwanzig Minuten die ersten Straßenzüge wieder Strom hatten, schrieb eine Internetnutzerin als Antwort auf die Baby-Boom-Debatte bei Facebook: "Schade, viel zu kurz."

frs

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