AOK stößt auf Widerstand

Therapie nach Praxisschluss

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Foto: Hausärzte, Fachärzte und Psychotherapeuten sollen mit Extrahonoraren zur Mehrarbeit verlockt werden.

Berlin - Die AOK will die psychotherapeutische Versorgung verbessern und stößt auf Widerstand bei der Psychotherapeutenkammer. Aus einem Start des Angebots im Sommer wurde nichts, nun soll zum 1. Oktober ein neuer Versuch gestartet werden.

Ob Depressionen, Burn-out oder Esssucht: Die kranke Psyche ist zur Volkskrankheit geworden. Jeder dritte Erwachsene muss im Laufe eines Jahres aufgrund einer psychischen Störung behandelt werden. Aber wer auf Hilfe hofft, muss sich gedulden. Monatelange Wartezeiten auf ein erstes Gespräch beim Psychotherapeuten sind die Regel, vor allem auf dem Land. Der Patient wird nicht nur alleingelassen; aus einer akuten leichten Störung, die unbehandelt bleibt, kann schnell ein chronisches Leiden werden. Was tun?

Die neue, gesetzlich verordnete Bedarfsplanung verspricht Verbesserungen. 1300 Therapeutensitze, zusätzlich zu den bestehenden rund 22 000 Praxen, werden in den nächsten Monaten bundesweit ausgeschrieben. Eine Lösung des Problems ist das aber nicht. Die AOK Niedersachsen präsentiert eine weitere Idee. Ende vergangenen Jahres vereinbarte sie mit der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN) und zwei Hausarztverbänden ein neues Versorgungsmodell, das die Wartezeit auf zwei Wochen verkürzen soll.

Die Grundidee: Hausärzte, Fachärzte und Psychotherapeuten sollen mit Extrahonoraren zur Mehrarbeit verlockt werden. Ein Psychotherapeut, der mindestens drei zusätzliche Termine in den Abendstunden oder am Wochenende anbietet, bekommt bis zu 250 Euro pro Patient zusätzlich von der AOK überwiesen. Die Patienten müssen sich jedoch als Erstes an einen Hausarzt wenden, der von der Kasse benannt wird. Bislang kann sich jeder direkt an eine zugelassene Therapeutenpraxis wenden.

Weitaus folgenreicher ist eine zweite Einschränkung des Modells. Nur AOK-Versicherte, die Anspruch auf Krankengeld haben, können in den Vorzug einer schnellen Terminvergabe kommen. Die Psychotherapeutenkammer hält dies für einen Verstoß gegen die Berufsethik. Ihre Mitglieder sehen das ähnlich: Nur 40 von 1586 niedersächsischen Psychotherapeuten und nur fünf Therapeuten aus der Region Hannover, Celle, Schaumburg und Hameln sind zur Mitarbeit bereit. Im Sommer wollte die AOK mit dem Angebot starten. Daraus wurde nichts. Neuer Termin ist der 1. Oktober. In Braunschweig, Oldenburg und Osnabrück hofft die Kasse nun auf eine ausreichende Anzahl an Praxen.

Die Psychologische Psychotherapie

Die Psychotherapeutenkammer Niedersachsen ist so jung wie der Berufsstand, den die Kammer vertritt. Erst 1999 wurde Psychotherapie als eigenständiger Heilberuf anerkannt. Die genaue Berufsbezeichnung lautet „Psychologische Psychotherapeuten“, die im Gegensatz zu den „ärztlichen Psychotherapeuten“ kein Medizin-, sondern ein Psychologiestudium absolviert haben, und „Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten“. Die Kammer vertritt rund 1600 Therapeuten mit Kassenzulassung und 350, die sich privat niedergelassen haben. Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen die Kosten für die tiefenpsychologisch fundierte und die psychoanalytische Psychotherapie und für eine Verhaltenstherapie. Eine Gesprächstherapie wird in der Regel nicht erstattet.

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