Pipeline-Explosion in Kenia, Fährunglück vor Sansibar

„Todesfalle Afrika“: Warum Katastrophen meist die Armen treffen

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Nach der Pipeline-Explosion im Sinai-Slum in Nairobi prangerte die kenianische Zeitung „The Standard“ vor allem das „unfähige und unzuverlässige Katastrophenmanagement“ der Regierung an.

Addis Abeba - In Afrika häufen sich die Katastrophen. Meistens trifft es die Armen. Waren die Desaster, wie die Pipeline-Explosion in Kenia und das Fährunglück vor Sansibar, vermeidbar?

Afrika kommt nicht aus den Schlagzeilen. Eine überfüllte Fähre sinkt vor der Küste Sansibars und reißt Hunderte in den Tod, in Nairobi sterben über 100 Slumbewohner bei der Explosion einer Pipeline und fast zur gleichen Zeit werden mehr als 20 Menschen in anderen kenianischen Armenvierteln Opfer von Methanol-verseuchtem Schnaps. Wenige Wochen zuvor sterben Dutzende in Uganda bei Erdrutschen, im Juli finden über 70 Passagiere beim Absturz eines Flugzeuges im Kongo den Tod.

Zwei Dinge haben all diese Katastrophen gemein: Erstens waren sie vermeidbar. Zweitens trafen sie - wie so oft in Afrika - hauptsächlich die Armen.

„Es gibt eine enge Verbindung zwischen diesen Desastern und Armut“, sagte Etienne Krug, Leiter der Abteilung für Gewalt- und Verletzungsprävention der Weltgesundheitsbehörde WHO. „Es kann zwar im Grunde jeden treffen, aber die wirtschaftlich Schwachen einer Gesellschaft sind größeren Risiken ausgesetzt: Sie leben in gefährlicheren Gegenden, sie arbeiten an gefährlicheren Orten und sie sind mit gefährlicheren Verkehrsmitteln unterwegs.“

Nach der Pipeline-Explosion im Sinai-Slum in Nairobi sind nun auch die örtlichen Medien aufgewacht und holen zum Rundumschlag aus: Wer ist für das Flammeninferno verantwortlich? Und warum wurden frühere Warnungen über den schlimmen Zustand der verrosteten Treibstoff-Rohre nicht gehört? Die kenianische Zeitung „The Standard“ prangerte vor allem das „unfähige und unzuverlässige Katastrophenmanagement“ der Regierung an. Die Feuersbrunst sei „eine grausige Mahnung“ daran, dass viele in Afrika auf einer „Zeitbombe“ säßen.

„Man könnte die meisten dieser Unfälle verhindern, wenn vor allem die Regierungen ernsthafte Maßnahmen ergreifen würden“, meint Krug. Nehmen wir das Beispiel Sansibar: Die „MV Spice Islander“ war für maximal 600 Passagiere zugelassen, dennoch drängten sich über 1000 Menschen auf der Fähre, als diese in tiefem Wasser unterging. „Hinzu kommt die schlechte Wartung der Schiffe, es gibt kaum Rettungswesten und die Leute können häufig nicht schwimmen.“ Wären die Gesetze eingehalten worden und alle nötigen Vorsorgemaßnahmen getroffen worden, „dann hätten die meisten Menschen überlebt“, sagt Krug.

Das verunglückte Flugzeug im Kongo, das in der Stadt Kisangani die Landebahn verfehlte, wäre in Europa nie zugelassen worden. Wie viele andere afrikanische Gesellschaften stand die private Airline Hewa Bora schon lange auf der Schwarzen Liste der EU-Kommission. Was wiederum die Frage aufwirft: Wieso gibt es in Afrika keine entsprechende Liste?

Und die Fragen gehen weiter: Wieso leben Menschen an gefährlichen Berghängen, die in der Regenzeit regelmäßig von Erdrutschen heimgesucht werden? Wieso gibt es auf den Straßen keine Geschwindigkeits- oder Alkoholkontrollen und wieso werden altersschwache Busse nicht aus dem Verkehr gezogen? Wieso leben die Armen in Kenias Slums so eng beieinander, dass ein Funke genügt, um ganze Viertel in Flammen aufgehen zu lassen? Und wieso leben sie überhaupt so nah an einer maroden Pipeline?

Antworten gibt es viele, aber meist aber handelt es sich um Korruption, um völlige Untätigkeit der zuständigen Behörden - und um Unwissenheit.

„Man muss die Menschen über die Gefahren aufklären“, erklärt Krug mit Blick auf die Pipeline-Katastrophe. Denn vermutlich wurde das Desaster von einer unachtsam weggeworfenen Zigarettenkippe oder einem Streichholz ausgelöst - just zu dem Zeitpunkt, als die Bewohner des Slums versuchten, etwas Benzin von der leckgeschlagenen Pipeline abzuschöpfen. „Die Leute müssen lernen, vorsichtiger zu handeln, aber das ist einfacher gesagt als getan, wenn man in absoluter Armut und unter so schwierigen Bedingungen lebt.“

Lokale Zeitungen sprechen unterdessen schon von einer möglichen weiteren angekündigten Katastrophe in Kenia: Viele Häuser befänden sich gleich unter Hochspannungsleitungen, die mit Elektrizität aus illegalen Kabeln gespeist würden, warnte „The Standard“. Warnungen allein scheinen allerdings wenig zu nützen. Erst wenn wieder einmal Hunderte qualvoll gestorben sind, kündigen Politiker medienwirksam neue Maßnahmen an. Wie Kenias Minister für innere Sicherheit, Orwa Ojode, der nach der Brandkatastrophe meinte: „Wir müssen jetzt schnell handeln und Kenianer vor solchen vermeidbaren Todesfallen retten.“ Wie das genau aussehen soll, sagte er aber nicht.

dpa

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