Unkrautvernichter Glyphosat

Tödlich für Unkraut - gefährlich für Menschen?

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„Wahrscheinlich krebserregend für den Menschen“ – so schätzt die WHO Glyphosat ein, das fast flächendeckend in der Landwirtschaft verwendet wird. Das Bundesinstitut für Risikobewertung widerspricht.

Hannover - Wie gefährlich ist der Unkrautvernichter Glyphosat? Seit die Weltgesundheitsorganisation WHO das Herbizid im März als wahrscheinlich krebserregend eingestuft hat, ist auch in Niedersachsen eine heftige Diskussion entbrannt.

Naturschutzverbände sehen sich in ihren Befürchtungen bestätigt, Niedersachsens grüner Landwirtschaftsminister Christian Meyer will den Einsatz von Glyphosat deutlich einschränken. Doch es gibt Stimmen, die der Einschätzung der WHO widersprechen, darunter vom Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR).

Seit seiner Markteinführung in den Siebzigerjahren gab es einen Konsens zwischen Behörden auf Landes-, Bundes- und auch europäischer Ebene: Glyphosat ist giftig und kann die Haut reizen, ist aber bei korrektem Einsatz weder kanzerogen noch mutagen - also weder krebserregend noch erbgutverändernd. Entsprechend große Wellen schlug der Bericht, den 17 Experten der Internationalen Agentur für Krebsforschung (IARC) im März nach einem Treffen in Lyon veröffentlichten: Aufgrund von drei Studien aus Kanada, Schweden und den USA müsse man Glyphosat als „wahrscheinlich krebserregend für den Menschen“ einstufen - das ist die zweithöchste Gefahrenstufe der WHO.

Naturschützer fühlen sich bestätigt, schließlich warnen sie schon seit Jahren vor den schädlichen Auswirkungen von Glyphosat. Das bekannteste Glyphosat-Produkt Roundup stehe „schon lange im Verdacht, Missbildungen bei Embryonen, Darmkrankheiten, Botulismus und auch Krebs zu verursachen“, sagt die Landtagsabgeordnete Miriam Staudte (Grüne). Der Naturschutzverband BUND widerspricht zudem der Einschätzung, dass das in der Landwirtschaft eingesetzte farb- und geruchlose Glyphosat schnell abgebaut werde und deshalb den Menschen nicht mehr erreiche. Im Juni 2013 hatte der Verband zusammen mit der Zeitschrift „Öko-Test“ europaweit Urinproben ausgewertet und in nahezu der Hälfte der Proben Glyphosat nachweisen können. Bei den Proben aus Deutschland waren es sogar 70 Prozent. „Unsere Testergebnisse zeigen, dass Glyphosat über Lebensmittel in die Körper der Menschen gelangt. Glyphosat gehört nicht ins Essen, Pestizide gehören nicht in den menschlichen Körper“, hatte Jürgen Stellpflug, Chefredakteur von „Öko-Test“ damals gesagt.

Beliebter Unkrautvernichter

Glyphosat wurde erstmals in den Siebzigerjahren auf den Markt gebracht, als Hauptwirkstoff des Breitbandherbizids Roundup. Weil es sich schnell abbaut und auf Tiere nicht giftig wirkt, hat sich das Mittel weltweit zum meisteingesetzten Wirkstoff von Unkrautvernichtern entwickelt. Auch zur Reifebeschleunigung kurz vor der Ernte wurde Glyphosat verwendet, etwa bei Kartoffeln und Getreide. Dieser Einsatz ist mittlerweile nur noch in Ausnahmefällen erlaubt.

Bei Privatleuten ist Glyphosat ebenfalls sehr beliebt, auch weil es preisgünstig ist. Im Internet bekommt man einen Fünf-Liter-Kanister für unter 30 Euro. Das soll aber in Zukunft nicht mehr erlaubt sein – die Verbraucherschutzministerkonferenz hat sich dafür ausgesprochen, den Verkauf von Glyphosat an Privatleute zu untersagen. Sollte der Bund dieser Empfehlung folgen, dürfen nur noch Landwirte oder andere Berufsgruppen mit entsprechender Ausbildung das Mittel einsetzen.

Auf diese deutlichen Hinweise vor zwei Jahren habe das CSU-geführte Bundesagrarministerium nicht reagiert, kritisierte Niedersachsens Landwirtschaftsminister Christian Meyer (Grüne) jüngst im Landtag. Die Verbraucherschutzministerkonferenz, deren Vorsitzender Meyer zurzeit ist, habe nun den Bund aufgefordert, den Verkauf von Glyphosat an Privatleute zu verbieten. Außerdem wies die Landesregierung ihre Behörden an, keine Ausnahmegenehmigungen für den Einsatz von Glyphosat etwa zur Pflege von Gehwegen, Spielplätzen oder Parks mehr zu erteilen. Von Ausnahme konnte ohnehin kaum mehr gesprochen werden: Allein 2014 wurden 600 Genehmigungen erteilt. Letztlich müsse sich aber auch der größte Verbraucher einschränken, meint Meyer: Die Ministerkonferenz habe „auch gefordert, den Einsatz von Glyphosat in der Landwirtschaft deutlich einzuschränken, wenn nicht gar ganz zu verbieten“, so Meyer.

Doch damit sind längst nicht alle einverstanden. „Pflanzenschutzmittel gehören nicht auf Kinderspielplätze“ - da sei man sich ohne Frage einig, sagte CDU-Fraktionsvize Frank Oesterhelweg in der Landtagsdebatte. Aber ein Verbot in der Landwirtschaft müsse wissenschaftlich begründet werden, „ansonsten entwickeln wir uns zu einer Bananenrepublik“. Oesterhelweg stützt sich dabei auf eine Stellungnahme des Bundesinstituts für Risikobewertung. Das BfR kommt in nüchternen Worten zu der Einschätzung, dass man den Bericht der WHO für „wissenschaftlich schlecht nachvollziehbar und nur mit wenigen Studien belegt“ hält. Die drei von der WHO zitierten Studien würden sich mit anderen Untersuchungen nicht decken, auch mit den über 30 Studien nicht, auf die das BfR seine Bewertung stütze. Demnach ergebe sich „kein gesicherter Zusammenhang zwischen Glyphosatexposition und einem erhöhten Risiko für Non-Hodgkin-Lymphome oder andere Krebsarten“.

In der Landwirtschaft komme noch ein anderer Aspekt hinzu, mahnt Hermann Grupe, Agrarexperte der FDP: Dank Glyphosat müsse auf Brachflächen weniger oft gepflügt werden. Damit werde gerade in Hanglagen Erosion vermieden - das sei ökologisch sinnvoll. „Wir als Landwirte haben ein äußerst großes Interesse daran, dass Pflanzenschutzmittel so verträglich sind wie irgend möglich und dass sie strengstens untersucht werden“, so Grupe. Zum Ende des Jahres müsse ohnehin Glyphosat in der EU neu genehmigt werden, meint Oesterhelweg. Damit sei eine erneute Prüfung verbunden, die solle man abwarten. „Wenn sich dann der jetzt geäußerte Verdacht bestätigt, dann wäre das nicht tolerabel. Sicherheit geht vor.“

Bis dahin könnten aber schon Fakten geschaffen worden sein: Vor zwei Wochen kündigte die Einzelhandelskette Rewe an, alle Glyphosat-Produkte aus den Sortimenten der Toom-Baumärkte zu nehmen. Staudte freut es: „Das hat wirklich unser Lob verdient.“

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