„Mord verjährt nicht“

Ungeklärten Todesfällen auf der Spur

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In Berlin arbeiten Sonderermittler an ungeklärten Tötungsdelikten.

Berlin - Mörder sollen sich niemals in Sicherheit wiegen - unter diesem Motto spüren Berliner Sonderermittler ungeklärten Tötungsdelikten nach. Die Fälle sind teilweise Jahrzehnte alt. Bei ihren Ermittlungen hilft den Spezialfahndern modernste Technik - und viel Erfahrung.

Der wohnungslose Handwerker war nachts brutal mit seinem eigenen Hammer erschlagen worden. Eine Passantin hatte die Leiche des 52-Jährigen am nächsten Morgen auf einer Parkbank im Kleinen Tiergarten in Berlin-Moabit entdeckt. Die blutverschmierte Tatwaffe lag in der Nähe. Mindestens zehnmal hatte der Täter mit der spitzen und der stumpfen Seite auf den Kopf des Opfers eingeschlagen, ergab eine Obduktion. Trotz 5000 Mark Belohnung blieb eine heiße Spur aus - 17 Jahre lang. Dann landeten Sonderermittler 2009 bei einer neuen Überprüfung auf DNA-Spuren einen Volltreffer. „Das war wie ein Sechser im Lotto“, sagt Hauke Schmidt vom Landeskriminalamt (LKA).

Der 44-jährige Mordermittler kümmert sich mit vier Kollegen nur um ungeklärte Tötungsdelikte. Zwar sichten in Deutschland normale Mordkommissionen nach ein paar Jahren routinemäßig nochmals alte Fälle. Oft werden sie dann aber auf unbestimmte Zeit beiseitegelegt. Spezialisten wie in Berlin gibt es bundesweit bislang kaum.

„Eine neue Untersuchung im Labor ergab, dass am Hammer nicht nur das Blut des Opfers klebte“, sagt Schmidt. Die Abfrage mit der neuen DNA bei der BKA-Datenbank führte zu einem verurteilten Mörder. Ein Glücksfall - nicht jeder Verbrecher wird dort gelistet.

Kurz vor der Attacke auf den Obdachlosen im Mai 1992 hatte der damals 27 Jahre alte Täter einen Tankwart und zwei Frauen erschossen. Seither verbüßte er eine lebenslange Haftstrafe. Im Jahr 2000 - rund zwei Jahre nach Einführung der DNA-Datenbank beim BKA - war seine DNA nachträglich erfasst worden. Zusammen mit der Mordkommission konfrontierten die Experten den Mann mit den Vorwürfen. „Er räumte die Tat schnell ein“, sagt Schmidt. Wieder landete er vor Gericht.

Im Mai 2007 wurde das Kommissariat Sonderermittlung ins Leben gerufen, weil es seit den 80er Jahren immer mehr ungelöste Fälle gab - „Cold Cases“ wie die Ermittler dazu sagen. „Mörder sollen sich nie in Sicherheit wiegen können“, erklärt Schmidt beim Rundgang durch den Keller. Hier türmen sich Aktenberge: Prall gefüllte Ordner voller vergilbter Berichte, Laboranalysen und Vernehmungsprotokolle so weit das Auge reicht. In den vergangenen 40 Jahren blieben in Berlin schätzungsweise mehr als 150 Morde ungeklärt.

„Wir kümmern uns im Schnitt um Fälle, die länger als zehn Jahre zurückliegen“, sagt Schmidt. Auch ungeklärten Morden aus den 60er Jahren und davor spüre die Gruppe nach. Mord verjährt nie - Totschlag hingegen spätestens nach 30 Jahren. Erfolglose Ermittlungen würden zwar zunächst eingestellt, die Akten würden aber nicht geschlossen.

Ruhe und Akribie sind wichtig

Die Experten setzen vor allem auf moderne Kriminaltechnik wie DNA-Tests. Schmidt weiß aber auch: Je länger ein Fall zurückliegt, desto geringer ist die Aussicht auf Erfolg. Täter könnten längst tot sein, Zeugen an Altersdemenz leiden. „Das sind dann Sackgassen.“

Bei der Ermittlerarbeit ist wichtig: Wurden alle Beweisstücke auf DNA überprüft? Lohnt eine erneute Untersuchung, weil die Technik weiter ist? „Aus Schweißanhaftungen und Hautpartikeln konnte noch vor Jahren kaum ein genetischer Fingerabdruck ermittelt werden“, erklärt Gabriele Lenz, eine von zwei Frauen in der Gruppe. „Heute ist die Technik sehr viel weiter.“ Und: Inzwischen könnten neue Personen in der DNA-Datei gelandet sein, sagt die 48-Jährige.

Die Zeit sei nicht nur Gegner der Ermittlungen. „Nach Jahren sagen manche Zeugen plötzlich mehr aus oder belasten jemanden, weil sich das Beziehungsverhältnis geändert hat“, sagt Lenz.

Der „Hammer“-Fall ist bislang der einzige Erfolg der Einheit. Zwei bis drei Fälle bearbeitet das Team im Jahr. „Klingt wenig, dahinter steckt aber eine mühsame und langwierige Arbeit“, sagt Lenz. „Wir müssen uns stets neu in einen Fall einarbeiten und Ansätze finden.“ Ruhe und Akribie sei dann wichtig. Labortests, Vernehmungen und Anfragen bei Behörden - auch im Ausland - nähmen Zeit in Anspruch.

Ob es Angehörige schmerzt, nach Jahren mit ihren Verlusten erneut konfrontiert zu werden? „In der Regel sind die Leute dankbar, dass immer noch jemand an die Toten denkt“, sagt Schmidt. Manche hätten sich aber mit den Verbrechen abgefunden. Dann sei Fingerspitzengefühl nötig, um sie zur Mitarbeit zu bewegen. „Es ist wichtig, dass diese Menschen verstehen: Mord verjährt nicht.“

dpa

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