„Müßiggang ist keine Faulheit“

Verein gegen Leistungsdruck gegründet

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Felix Quadflieg hat "Otium" gegründet. Der Verein widmet sich dem Müßiggang.

Bremen - Viele Menschen fühlen sich gestresst von der Arbeit, manche auch in ihrer Freizeit. Der Bremer Verein Otium setzt ganz bewusst einen Gegenpunkt. Er hat sich der Förderung des Müßiggangs verschrieben.

Ständig für den Chef erreichbar sein, von einem Termin zum nächsten hetzen: Der 54-jährige Felix Quadflieg hat sich ganz bewusst gegen den Leistungsdruck in der Gesellschaft entschieden. Mit seinem Verein Otium - lateinisch für Muße - macht er mit Lesungen und Aktionen darauf aufmerksam, dass Müßiggang das Leben erst sinnvoll macht. Im Interview erklärt er, wieso Müßiggang nichts mit Faulheit zu tun hat und wieso Seele und Geist immer wieder neue Nahrung brauchen.

Herr Quadflieg, sind Sie faul?

Ich weiß nicht, wieso ich diese Frage gestellt bekomme! Was habe ich mit Faulheit zu tun? Was hat Müßiggang mit Faulheit zu tun? In meinen Augen: Nichts. Muße und Müßiggang sind für mich Haltungen. Man kann ihnen in allen Lebensbereichen nachgehen - oder nicht.

Also sind Muße und Nichtstun nicht das Gleiche?

Nein. Man kann sowohl mit Muße arbeiten als auch mit Muße faul sein. Wer Muße zulässt, ist neugierig, kann sich überraschen lassen und ist offen. Er ist bereit, sich befremden zu lassen, den Augenblick zu erfahren und zeitweilig die alltägliche Ordnung von Raum und Zeit zu verlieren. Meinen Lebensunterhalt bestreite ich durch Arbeit. Ich bin selbstständig tätig als Heilpädagoge, Trauerredner und Lerncoach für Schulmeider.

Welches Ziel verfolgt Ihr Verein?

Wir wollen sensibel dafür machen, dass die Arbeit und der Arbeitsbegriff in der Gesellschaft vergöttert werden. Mit öffentlichen Aktionen, Happenings und Lesungen wollen wir Anregungen für die gesellschaftliche Diskussion geben. Wir wollen zeigen, wie wichtig es ist, Freude daran haben zu können, Neues zu erleben. Und wie wichtig es ist, gelassen und müßig sein zu können.

Warum ist die Muße so wichtig?

Sich dauerhaft nur einer Sache hinzugeben, zum Beispiel der Arbeit, kann meiner Auffassung nach in negative Langeweile münden. Denn Menschen brauchen immer wieder Nahrung für die Seele und den Geist. Das kann durch neue Reize passieren. So wie mit der Nahrung für den Körper verhält es sich auch mit der Seelen- und Geistesnahrung: Sie braucht Zeit, damit sie verstoffwechselt und verdaut werden kann.

Welche Reaktionen bekommen Sie aus Ihrem Umfeld?

Wenn die Themen Zeit, Muße, Überarbeitung, Langeweile oder Stress aufkommen, erfahre ich viel Zustimmung und positive Resonanz. Jeder kann etwas mit dem Begriff Muße anfangen, diffus oder konkreter.

dpa

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