Umfrage

Viele Schüler umgehen Abitur nach zwölf Jahren

- Drehen viele Schüler tatsächlich freiwillig eine Ehrenrunde, weil sie Angst vor dem Abitur nach nur zwölf Jahren haben? Das Kultusministerium hält so einen Trend für abwegig, doch manche Städte beobachten tatsächlich eine Flucht aus dem Doppeljahrgang.

Das Abitur nach nur zwölf Jahren schreckt offenbar viele Schülerinnen und Schüler ab. An einigen niedersächsischen Gymnasien lassen sich vermehrt Jugendliche freiwillig ein Jahr zurückstufen oder wechseln an Integrierte Gesamtschulen beziehungsweise Berufsbildende Schulen, wo das Abitur weiterhin nach 13 Jahren möglich ist. Das ergab eine Umfrage der Nachrichtenagentur dpa bei den Städten und Landkreisen. „Spekulationen über eine landesweite ’Flucht aus dem doppelten Abiturjahrgang’ sind abwegig“, sagte dagegen Niedersachsens Kultusminister Bernd Althusmann (CDU). „Die Tatsache, dass Schülerinnen und Schüler freiwillig ein Jahr zurückgehen, hat es immer gegeben.“

In diesem Frühjahr macht in Niedersachsen der letzte Jahrgang nach 13 Jahren Abitur - zusammen mit dem ersten Jahrgang, der die Hochschulreife nach nur zwölf Jahren erwirbt. „Wir stellen an den hannoverschen Gymnasien im aktuellen Schuljahr im 12. Jahrgang einen Rückgang bei den Schülerzahlen fest“, sagte Schuldezernentin Marlis Drevermann. In der Landeshauptstadt hat der Jahrgang 12 für alle städtischen Gymnasien insgesamt 994 Schüler, im Jahrgang 11 vor einem Jahr waren es 1246. Ob tatsächlich 252 Jugendliche mit Blick auf das Turbo-Abitur „geflohen“ sind, darüber könne man nur spekulieren, meinte Drevermann.

Auch in Braunschweig sind Rückgänge zu verzeichnen. Die Jahrgänge 11 und 12 bestanden vor einem Jahr aus 1836 Schüler, aktuell werden im Doppeljahrgang kurz vor dem Abitur 271 Schüler weniger gezählt. Auch in den vorausgegangenen fünf Jahren habe es meist einen Schülerrückgang vom Jahrgang 11 zu 12 gegeben, berichtete Stadtsprecher Rainer Keunecke. Allerdings schwankte der Schwund an Schülern zwischen minus 17 und 94, in einem Jahr waren es sogar plus 39. Auch für den Landkreis Leer kann der Trend - zumindest in kleinerem Umfang - bestätigt werden, sagte ein Sprecher des Landkreises. Es hätte schon früh Bedenken gegeben, neun Schuljahre auf acht Schuljahre zu verkürzen, ohne eine grundlegende Reform der Inhalte vorzunehmen. Der aktuelle Trend könne eine Bestätigung dieser Bedenken sein.

An den Wolfsburger Gymnasien wiederholen beziehungsweise wiederholten im vergangenen Schuljahr je etwa 100 Schüler den 11. Jahrgang. Die Schülerzahlen der Fachgymnasien haben einem Stadtsprecher zufolge dagegen keine Veränderungen erfahren und sind traditionell hoch, an der Gesamtschule wurden ebenfalls keine Veränderungen festgestellt. „Es kann nicht sonderlich überraschen, dass sich viele Schülerinnen und Schüler wohler fühlen, wenn sie ein Jahr mehr Zeit bis zu ihrer Abschlussprüfung haben“, sagte Wolfsburgs Schuldezernent Klaus Mohrs.

„Von einer Flucht kann sicherlich nicht die Rede sein, aber der Trend ist eindeutig“, sagte der Sprecher der Stadt Salzgitter, Norbert Uhde. An den drei Gymnasien in Salzgitter wiederholten 74 von insgesamt 315 Schülern die Klasse 12.

Dagegen wird in der Stadt und im Landkreis Lüneburg keine Flucht aus dem doppelten Abiturjahrgang beobachtet. Gleiches gilt für Wilhelmshaven: „Der angebliche Trend kann in keinster Weise bestätigt werden. Es gibt sogar weniger Abgänge an die Integrierte Gesamtschule seit der Einführung des Zentralabiturs“, sagte ein Stadtsprecher. Auch bei den Oldenburger Gymnasien gibt es nach Angaben der Stadt keine signifikante Zahl, die belegt, dass Schüler aus den doppelten Abiturjahrgängen fliehen. Ebenso wird aus dem Landkreis Aurich gemeldet: Wechsel in andere Schulformen, Schulabbrüche und Wiederholung einer Klasse gab es im üblichen Rahmen.

„Leider gibt es zum Ausmaß der Flucht der Schüler aus dem Turbo-Abi keine belastbaren Zahlen“, sagte Pascal Zimmer, Vorsitzender des Landeselternrats. Die Umstellung auf das Abitur nach zwölf Jahren (G8) habe an den Gymnasien unterschiedlich gut geklappt. Der Elternvertreter kritisierte, dass das Unterstützungssystem des Kultusministeriums mit Lehrkräften als Multiplikatoren in den Schulen überwiegend nicht funktioniert habe. Zimmer: „Viele Lehrerinnen und Lehrer haben sich alleingelassen und überfordert gefühlt. Im Hau-Ruck-Verfahren sollten Schulreformen nicht erfolgen. Die Zeche müssen die Schüler bezahlen.“

Im Land Bremen wird der erste Doppeljahrgang im kommenden Jahr sein Abitur ablegen. Eine Flucht aus dem Doppeljahrgang stellt das Bremer Bildungsressort bisher nicht fest. „Mit der Bremer Schulreform bieten alle Oberschulen künftig das Abitur nach 13 Jahren an, so dass eine echte alternative Wahl besteht“, erklärte Klara Götz, Sprecherin der Senatorin für Bildung und Wissenschaft.

dpa

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