Konfliktforschung

Warum junge Männer Amok laufen

Bielefeld - Manche Jugendliche fühlen sich ausgestoßen und machtlos. Ein Tropfen kann das Fass zum Überlaufen bringen. Aber vorher senden die jungen Leute oft Signale aus. Diese könnten erkannt und mancher Amoklauf verhindert werden, sagt der Bielefelder Konfliktforscher Peter Sitzer.

Herr Sitzer, was sind eigentlich „School Shootings“ und wie häufig sind sie? School Shootings sind schon ein ganz spezielles, eigenständiges Phänomen. Seit den 1950er Jahren gab es weltweit etwa 125 derartige Ereignisse. Ähnliche Fälle gab es vor allem nach dem Massaker an der Columbine High School 1999 in Littleton im US-Staat Colorado. Die Täter hatten vor der Tat sehr viel Material veröffentlicht. Man spricht da von Täterselbstdarstellung. Sie machten andere für ihre Lage verantwortlich und riefen zu einer Revolution der Ausgestoßenen auf.

Das heißt, es gab Nachahmer? Der Attentäter von Emsdetten im Jahr 2006 etwa war ein großer Fan einer der beiden Täter von Littleton. In seinem Tagebuch bezeichnet er ihn als Gott. Es hat da eine sehr starke Identifikation gegeben. Das findet man seit Littleton immer wieder, weltweit bei rund 20 Attentätern.

Was treibt die jungen Leute zum Amoklauf? Die Idee, die von den Forschern diskutiert wird, ist, dass das School Shooting von den Betroffenen als eine Möglichkeit gesehen wird, mit den Problemen im Leben umzugehen. Die Täter sind vorher oft Opfer von Mobbing geworden, sehen sich als abgelehnte, ausgestoßene Schüler, die niemand mag. Bei ihnen hat sich ein ungeheuerer Hass, eine unglaubliche Wut aufgestaut. Es sind letztendlich Racheakte.

Warum wählen viele Amokläufer Schulen als Tatort aus? Die Gründe für solche Amokläufe liegen nicht nur in der Schule, aber die „School Shooter“ selbst sehen dort die Ursachen ihres Leidens. In der Schule wird die Außenseiterrolle besonders deutlich. Hier wird besonders klar, an welcher Stelle der Gruppe ich stehe.

Was geht in solchen Menschen vor? Die Täter empfinden ihre Situation als Kontrollverlust. In ihrer Fantasie, in die sie sich immer tiefer flüchten, leben sie Überlegenheit aus und gewinnen die Kontrolle zurück: Sie stellen sich vor, wie sie sich mit so einem Amoklauf rächen. Irgendwann reichen diese Fantasien vielleicht nicht mehr und es kommt zu sogenannten Teilumsetzungen.

Das heißt? Sie schreiben eine Todesliste, zeigen die vielleicht sogar jemandem, zeichnen Bilder, auf denen Lehrer im Mündungsfeuer stehen. Sie recherchieren solche Selbstdarstellungen anderer School Shooter und besorgen sich vielleicht schon Waffen. Vor der Tat kommt es dann meist zu einem Auslöser: Eine besondere Demütigung, ein nahestehender Mensch stirbt.

Können Amokläufe verhindert werden? Hier kann auch die Vorbeugung ansetzen, denn der wichtigste Punkt der Vorbeugung ist die Früherkennung. Diese Schüler geben oft vorher Hinweise wie eben diese Todeslisten. Das Problem ist natürlich, den schlechten Scherz von der ernsten Gefährdung zu unterscheiden. Aber in dieser Phase ist die Chance am größten, die Tat zu verhindern.

Von Matthias Benirschke / dpa

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