Leben ohne Toilette und sauberes Wasser

Welttoilettentag soll auf Afrikas Sanitärmisere aufmerksam machen

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In vielen afrikanischen Ländern fehlt es für die Armen an jeglicher sanitärer Grundversorgung.

Addis Abeba/Nairobi - Am Samstag begehen die Vereinten Nationen den „Welttoilettentag“. Was lustig klingt, hat einen ernsten Hintergrund: In den meisten Ländern Afrikas fehlt es für die Armen noch immer an jeglicher sanitärer Grundversorgung.

Die deutschen Touristen sind geschockt: Kaum kommen sie an ihrem ersten Urlaubstag in Äthiopien aus ihrem 4-Sterne-Hotel in Addis Abeba, werden sie gleich Zeuge der harten Realität. Ein Mann verrichtet mit heruntergezogener Hose und ohne offensichtliche Scham sein Geschäft auf dem Bürgersteig. „Das ist ja nicht zu fassen. Haben die Menschen hier keine Toiletten?“, fragt Peter Friedrich, während seine Frau erschrocken den Kopf schüttelt. Die Antwort lautet: Nein. In Äthiopien, wie in vielen anderen Ländern Afrikas, sind private Sanitäranlagen nach wie vor ein Luxus, den sich nur die reicheren Bevölkerungsschichten erlauben können.

Viele mögen schmunzeln, wenn sie das Wort „Welttoilettentag“ hören. Jedoch haben sich die Vereinten Nationen schon etwas dabei gedacht, als sie diesen vor zehn Jahren erstmals offiziell ausriefen. An diesem Samstag ist es wieder soweit, und die Augen der Welt richten sich auf die verheerende sanitäre Situation in vielen Entwicklungsländern. Denn in den Industriestaaten können sich viele nicht einmal in ihren kühnsten Gedanken vorstellen, wie das ist, kein Badezimmer, kein fließend Wasser und kein Klo im Haus zu haben. Aber in Afrika ist dies für die meisten Armen fast zur Selbstverständlichkeit geworden.

Und wenn nicht bald etwas geschieht, dann werden einem neuen Report der Hilfsorganisation WaterAid zufolge fast alle Regierungen in Subsahara-Afrika das Millenniums-Ziel verfehlen, die Zahl der Menschen ohne Zugang zu Sanitäreinrichtungen bis 2015 zu halbieren. „Wenn es so weiter geht wie bisher, dann wird es in Subsahara-Afrika zwei Jahrhunderte dauern, bis dieses Ziel erreicht ist“, rechnete die Organisation vor.

Schätzungen zufolge leben heute weltweit noch 2,6 Milliarden Menschen ohne sanitäre Grundversorgung - das ist mehr als ein Viertel der Weltbevölkerung und eine schier unglaubliche Zahl. WaterAid erläutert, dass die Kosten, die der Mangel an Wasser und Sanitäreinrichtungen allein in Afrika jährlich verursacht, sogar höher sind als die gesamte Entwicklungshilfe, die der Kontinent erhält.

„Die wichtigste Erkenntnis des Reports ist, wie viele Menschen wegen dieses Mangels an sauberem Wasser und Abwassersystemen jedes Jahr sterben“, sagte John Garret, einer der Autoren des Berichts, der Nachrichtenagentur dpa. „Denn der mangelnde Zugang zu sanitären Anlagen ist die Hauptursache für Durchfallerkrankungen, denen weiterhin die meisten Kinder in Afrika zum Opfer fallen.“

Gravierend ist die Situation vor allem in den Armensiedlungen. Beispiel Kibera in Nairobi, der größte Slum Afrikas, in dem rund 800.000 Menschen unter oft menschenunwürdigen Bedingungen in zerrütteten Wellblechbehausungen leben: Sauberes Wasser bekommen die Bewohner nur durch Abschöpfen aus riesigen schwarzen Plastikcontainern. „Und das ist für die Frauen, die das Wasser nachhause tragen müssen, Schwerstarbeit“, sagt Frankie, der seit einigen Jahren interessierte Touristen durch Kibera führt.

Auch in punkto Toiletten ist die Auswahl begrenzt. Es gibt einige von humanitären Organisationen eingerichtete kommunale Aborte, daneben Grubenlatrinen (pit latrines), die in der Regenzeit oft überlaufen, so dass die Exkremente sich mit dem Schlamm vermischen und zu einer raschen Ausbreitung von Infektionskrankheiten führen.

Ein alltägliches Bild in Kibera sind auch die sogenannten „fliegenden Toiletten“. Vor lauter Not verrichten die Menschen dabei ihr Geschäft in Plastiksäckchen, die sie anschließend in hohem Bogen und möglichst weit von ihrer Hütte wegwerfen. Denn Abfallentsorgung gibt es in dem Slum ebenfalls nicht. „Wenn man durch Kibera geht, sieht man oft diese Plastiktütchen auf Häuserdächern, wo sie zusammen mit Bergen von Müll liegenbleiben“, beschrieb die Londoner Vereinigung von Bauingenieuren (ICE) die Situation im vergangenen Jahr in einer Studie.

Aber es gibt auch positive Ansätze: Inzwischen wurden in dem Slum auch einige Biolatrinen eingerichtet, wo die „großen Geschäfte“ in einem Tank gesammelt werden und das daraus entstehende Methangas zum Kochen und zur Elektrizitätserzeugung verwendet wird. Fäkalien als Mittel zur Energiegewinnung quasi. Aber solche Projekte sind noch immer die Ausnahme. Die meisten Armen in Äthiopien, Kenia und anderen afrikanischen Ländern müssen auch weiterhin ihre Hose auf offener Straße herunterlassen.

dpa

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