Tiermast

Wenn der Bauer zum Antibiotikum greift

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Für die Tierhaltung in Deutschland wird immer noch viel Antibiotika eingesetzt.

Berlin - Der Griff zum Antibiotikum gehört für viele deutsche Landwirte zum Standardprogramm bei der Behandlung von Tieren. Allerdings haben die Medikamente auch für den Menschen ungewollte Nebenwirkungen.

Für die Tierhaltung in Deutschland sind im vergangenen Jahr etwas weniger Antibiotika verteilt worden. Die Menge ging im Vergleich zu 2011 um 87 Tonnen auf 1619 Tonnen zurück, wie das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) am Montag in Berlin mitteilte. Europaweit gehöre Deutschland aber noch immer zu den Spitzenreitern, sagte Ministerialdirektor Bernhard Kühnle vom Bundeslandwirtschaftsministerium am Montag am Rande einer Konferenz des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) in Berlin. Der breite Antibiotika-Einsatz müsse deutlich eingeschränkt werden, forderte er. Neue Regelungen ab 2014 sollen dabei helfen.

Bei der Wirkstoffklasse der Fluorchinolone, deren Einsatz in Ställen kritisch gesehen wird, wurde 2012 eine Zunahme um zwei auf zehn Tonnen registriert. Hintergrund ist, dass diese Stoffe auch bei Menschen als Reserve-Antibiotika für schwere Fälle verwendet werden.

Ein Großteil der Antibiotika wurde den amtlichen Angaben zufolge weiterhin an Tierärzte in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen abgegeben. Allein in den Postleitzahlbereich 49, der Kreise beider Nachbarländer vereint, gingen mehr als 500 Tonnen. Dort gibt es viele große Tiermastanlagen.

Masthähnchen am häufigsten mit Antibiotika behandelt

Nach einer BfR-Studie werden Masthähnchen am häufigsten mit Antibiotika behandelt. In ihrem 39 Tage dauernden Leben bekommen sie an durchschnittlich zehn Tagen Antibiotika. Milchkühe bekamen die Medikamente innerhalb eines Jahres an 3,5 Tagen und Kälber an 1,2 Tagen. Bei Tieren in Gruppenhaltung werden laut BfR meist sowohl kranke als auch gesunde Tiere behandelt, um die Ausbreitung der Krankheit auf die gesunden Artgenossen zu verhindern.

Der massenhafte Antibiotika-Einsatz in der Tiermast wird seit längerem kritisiert. „Wo Antibiotika eingesetzt werden, nehmen Resistenzen zu“, sagte BfR-Präsident Andreas Hensel. Die unempfindlichen Bakterien könnten auch auf den Menschen übergehen und krank machen. Allerdings seien bislang nur sporadische Einzelfälle von Menschen, die beruflich mit Tieren oder vom Tier stammenden Lebensmitteln zu tun haben, bekannt. Verbraucher könnten sich schützen, in dem sie bei der Verarbeitung von tierischen Lebensmitteln auf die Hygiene achten und Fleisch gut garen.

Bundesweite Datenbank ab April

Im April tritt eine Novelle des Arzneimittelgesetzes in Kraft. Diese regelt unter anderem, dass jede Antibiotika-Anwendung von Landwirten in einer bundesweiten Datenbank erfasst wird. Bauern, die besonders häufig zu den Medikamenten greifen, sollen mit Auflagen dazu angehalten werden, den Einsatz zu minimieren, kündigte Kühnle an.

Mit einem hohen Einsatz von Antibiotika hatten auch die Niederlande lange zu kämpfen, wie Hetty van Beers-Schreurs von der Niederländischen Tiermedizin-Behörde berichtete. Intensive Gespräche von Tierärzten mit Landwirten hätten gute Erfolge gezeigt: Der Verbrauch sei in fünf Jahren um die Hälfte reduziert worden - ohne Sanktionen. In den Niederlanden setze man stattdessen auf Belohnungen: Vorbildliche Landwirte sollen künftig eine Prämie erhalten, sagte van Beers-Schreurs.

dpa

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