Dritter Deutscher fliegt ins Weltall

"Wohliger Schauer"

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Foto: Alexander Gerst zeigt ein ATV, einen Weltraumfrachter. Der ESA-Astronaut startet am 28. Mai vom Weltraumbahnhof in Baikonur zur Internationalen Raumstation ISS.

Swjosdny Gorodok - Ende Mai fliegt Alexander Gerst als dritter Deutscher zur Internationalen Raumstation ISS. In der Nähe von Moskau bereitet sich der Geophysiker intensiv auf anstrengende Monate im All vor. Im russischen Sternenstädtchen trainierte schon Weltraumpionier Gagarin.

Schweigend kauert Deutschlands nächster Mann im All im engen Modell einer Sojus-Raumkapsel und probt für den Notfall. Schulter an Schulter mit seinen beiden Kameraden aus Russland und den USA kämpft Alexander Gerst mit den künstlichen Technikpannen, die die Flugleitung aus dem Nebenzimmer einspielt. Noch ist es nicht Ernst, noch ist es nur Simulation. Aber ab Ende Mai muss jeder Handgriff sitzen, denn da trennen das Trio auf der Internationalen Raumstation ISS rund 400 Kilometer vom Erdboden - und nicht nur sechs Stufen wie hier im Ausbildungszentrum bei Moskau.

Gerst wird der elfte Deutsche im All sein und der dritte Deutsche auf der ISS. Ein halbes Jahr bleibt er auf dem Außenposten der Menschheit und betreut unter anderem Experimente in der Schwerelosigkeit. Doch der Geophysiker sieht in seiner Mission mehr als nur eine Forschungsreise. "Ich will auch eine Botschaft an künftige Generationen senden: Lasst uns diesen zerbrechlichen Planeten nicht durch Kriege und Umweltverschmutzung zerstören", sagt der 37-Jährige (Geburtsdatum: 3. Mai 1976) mit dem kahlgeschorenen Kopf.

Seit rund drei Jahren trainiert Gerst für die Reise zu den Sternen, in Ausbildungsstätten in Russland sowie in den USA und in Deutschland - etwa im Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Köln. "Ich habe gar nicht gemerkt, wie die Zeit vergeht - aber trotzdem erscheint es mir wie eine Ewigkeit, wenn ich auf all das zurückschaue, was in den vergangenen Jahren passiert ist", erzählt der in Künzelsau (Baden-Württemberg) geborene Mann.

An diesem kühlen Morgen beginnt sein Arbeitstag gegen neun Uhr. Gerst tauscht den blauen Overall der Europäischen Raumfahrtagentur Esa gegen einen weißen Sokol-Raumanzug und geht mit dem russischen Kommandanten Maxim Surajew und dem US-Astronauten Reid Wiseman zur Trainingskapsel. Topfpflanzen und Modelle sowjetischer Raumschiffe füllen die riesige Halle im Sternenstädtchen, wo das Ausbildungszentrum steht. Seit mehr als 50 Jahren werden hier Kosmonauten auf ihre Flüge vorbereitet. Auch nach dem Ende der Sowjetunion ist es ein legendärer und streng abgeschirmter Ort.

"Der einstige Stolz des Landes ist heute aber auch ein Denkmal kommunistischer Architektur", sagt Boris Michailowitsch Jessin und streicht sich durch die grauen Haare. Seit 23 Jahren arbeitet der frühere Sowjetoffizier im Sternenstädtchen. Zuvor transportierte er Soldaten, Maschinen und Getreide in mächtigen Antonow-Flugzeugen von der Ostsee zum Pazifik und zurück. "Ich kannte jeden Winkel zwischen der Mongolei und der DDR", sagt der 71-Jährige. Mit dem Ende der UdSSR kam auch sein Aus als Pilot. Seitdem betreut Jessin Raumfahrer bei der Ausbildung und führt auch Besucher über das Gelände.

Rund 6000 Menschen wohnen im Sternenstädtchen, viele davon Mediziner oder technisches Personal. Für ehemalige Kosmonauten wie Sigmund Jähn, der 1978 als erster Deutscher im All war, sind stets Zimmer reserviert. "Da jeder Raumfahrer einen Staatsorden bekam, ist es wohl die weltweit größte Ansammlung von Helden der Sowjetunion", erzählt Jessin. Kantige Wohnblöcke stehen zwischen Kiefern, auf den Wegen sind kaum Menschen zu sehen. Aber die Ruhe trügt: In den Hangars des Ausbildungszentrums, das den Namen von Weltraumpionier Juri Gagarin trägt, laufen letzte Vorbereitungen von Gerst, Surajew und Wiseman. Wenn Raumfahrer ins All starten, müssen sie körperlich fit sein. Immer wieder werden sie in der Vorbereitung an ihre Leistungsgrenzen gebracht - zum Beispiel mit einer mächtigen Zentrifuge, die im Swjosdny Gorodok (Sternenstädtchen) steht. Um die mehr als 300 Tonnen schwere Konstruktion in Bewegung zu setzen, ist ein Motor mit der Leistung von fünf Elektroloks nötig. Verschnürt auf einem Spezialstuhl in einer Kapsel, rotieren die Kandidaten dort an einem blau lackierten Stahlarm mit hohem Tempo im Kreis.

"Wie bei Start und Landung lastet dann ein gewaltiger Druck auf ihnen, der das Atmen schwer macht", erzählt Ingenieur Alexander Tschudinow. Notfälle sind selten, aber sie geschehen. Deshalb bleibt die Kapsel nur in Bewegung, solange der "Schüler" im Innern einen Knopf fest gedrückt hält. Lässt er los, etwa bei einem Ohnmachtsanfall, stoppt die Zentrifuge.

Im All lässt der Druck auf den Körper nach, aber die Schwerelosigkeit bringt neue Herausforderungen mit sich. Ein Gefühl dafür vermittelt das Tauchtraining in einem riesigen Becken. ISS-Nachbauten gleiten zunächst auf Kufen in die Tiefe, dann hievt ein mächtiger Kran die Raumfahrer in ihren 112 Kilogramm schweren Orlan-Anzügen ins Wasser.

Trainiert werden vor allem die stundenlangen Außeneinsätze im All. Dabei werden etwa Forschungsbehälter an der Raumstation abmontiert oder elektronische Geräte befestigt. Die oft als "Weltraumspaziergang" bezeichneten Arbeiten sind in Wirklichkeit enorm strapaziös. Durch große runde Scheiben an der Seite beobachten Übungsleiter die Handgriffe in dem zwölf Meter tiefen Wasser. "Der Druck in dieser Tiefe ist enorm, oft verlieren unsere Schüler bei den Arbeiten mehrere Kilo", berichtet Jessin.

Letztendlich gehe es beim Training auch um Selbstvertrauen, betont Crewmitglied Surajew, der bereits 2010 auf der ISS war. "Beim ersten Flug wirst du beim geringsten Anlass nervös, das musst du schnell ablegen", erzählt der 41-jährige Russe. "Der Mensch entdeckt im Weltraum neue Möglichkeiten, das war nie ungefährlich", meint Gerst. Dass er angstfrei sei, wolle er gar nicht erst behaupten. "Aber Angst ist ein Gefühl, das sich entwickelt, wenn man meint, die Kontrolle zu verlieren. Das wollen wir vermeiden, deswegen trainieren wir so oft."

Wenn der Mann mit der athletischen Figur, der Fallschirmspringen und Fechten als Hobbys nennt, über seinen Beruf redet, klingt das meist sehr routiniert. Das ändert sich, wenn er über die Tradition des Ausbildungszentrums spricht. "Ich finde es großartig, an einem Ort zu trainieren, an dem Gagarins Geist zu spüren ist", sagt er etwa. Am Spind klebt immer noch das Namensschild von Gagarin, der am 12. April 1961 als erster Mensch ins All flog und bei einem Flugzeugabsturz 1968 starb. Seine Witwe Valentina lebt im Sternenstädtchen.

Dem Areal ist seine reiche Tradition anzusehen, aber auch sein Alter. Die Wände der Flure sind gepflastert mit Porträtfotos der ruhmreichen Eroberer des Weltalls: Russen, US-Amerikaner, Japaner - aber auch etwa Deutsche wie Thomas Reiter. Doch neben den Bildern bröckelt der Putz. "Zum 50. Jahrestag von Gagarins historischem Flug ließ uns der Kreml zum Glück einige Millionen Rubel zukommen, damit wir wenigstens das Notwendigste tun können", erzählt Jessin.

Für Gerst erfüllt sich mit der ISS-Mission ein Kindheitstraum. Als kleiner Junge weckte sein Großvater in ihm mit Büchern und einem Amateurfunkgerät die Leidenschaft für ferne Welten. Auf den Beruf als Astronaut habe er nie gezielt hingearbeitet. "Ich hatte das aber immer als Alternative im Hinterkopf", erzählt Gerst in leicht schwäbischem Dialekt. Die Bewerbung bei der Raumfahrtagentur Esa sei eigentlich "nur ein Versuch" gewesen.

Nach dem für den 28. Mai geplanten Start vom Weltraumbahnhof Baikonur in Kasachstan soll Gerst als ISS-Bordingenieur arbeiten. Dabei testet er unter anderem einen europäischen Schmelzofen, mit dem neue Legierungen für den Auto- und Flugzeugbau gewonnen werden können. Gerst kommt aus der Wissenschaft. Nach einem Studium in Karlsruhe forschte er an der Universität Hamburg über Vulkane. "Wenn das mit der Bewerbung als Astronaut nicht geklappt hätte, wäre ich wohl nach Alaska gezogen, um Vulkane zu erkunden", sagt er.

Das Härteste der Astronautenausbildung sei der dreimonatige Sprachkurs gewesen, erzählt Gerst. Die Sprache an Bord der ISS ist Russisch. "Die Geräte hast du irgendwann im Griff, aber eine Sprache hast du nie zu Ende gelernt." Natürlich gleite die Crew ab und zu ins Englische ab, etwa bei Gesprächen über Privates oder über politische Themen wie den Ukraine-Konflikt, sagt der US-Amerikaner Wiseman. "Wenn es gar nicht mehr weiter geht, sprechen wir einfach "Kosmisch" - so eine Mischung aus allem", erzählt der 38-Jährige und lacht.

Seit die USA ihre Space Shuttles 2011 aus Kostengründen einmotteten, müssen Nasa-Astronauten in russischen Sojus-Kapseln zur ISS mitfliegen. Umgerechnet 50 Millionen Euro zahlen die USA für einen Platz - fast ebenso teuer soll die "Mitfluggelegenheit" für Gerst sein. Die internationale Zusammenarbeit mache Sinn, sagt René Pischel von der Esa-Vertretung in Moskau. Heute seien die Aufgaben im All nur gemeinsam zu bewältigen. Auch deshalb sei eine Zusammenarbeit etwa mit der aufstrebenden Raumfahrtmacht China durchaus sinnvoll.

Doch noch herrscht unter den möglichen Partnern Uneinigkeit. Während russische Experten einen baldigen Marsflug favorisieren, fordern US-Wissenschaftler eine nähere Erforschung des Mondes. "Für beides existieren gute Argumente", sagt Gerst. Eins sollte aber erfüllt sein: "Die Länder sollten Menschen ins All schicken und nicht Maschinen. Es ist etwas anderes, ob ein Roboter über einen Planeten läuft oder ob ein Raumfahrer aus dem All zurückkommt und berichtet. Viele Jahre vor Neil Armstrong landete eine sowjetische Sonde auf dem Mond - aber in Erinnerung bleibt nur der Mann auf der Leiter."

Gerst ist überzeugt vom Sinn der bemannten Raumfahrt - und will andere mit seiner Begeisterung anstecken. "Der Gedanke, dass wir im Weltall nicht allein sein könnten, müsste doch jedem Menschen einen wohligen Schauer über den Rücken jagen", sagt der künftige Astronaut.

dpa

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