Sarajevo 2014

Zwischen den Fronten

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Foto: Das k.u.k. Erbe ist in der wieder errichteten Altstadt unübersehbar – ein paar Meter weiter klaffen Einschusslöcher.

Sarajevo - In Sarajevo wurde 1914 der österreichische Thronerbe Franz Ferdinand getötet – es war der Startschuss zum Ersten Weltkrieg. 100 Jahre später sind es die Spuren eines ganz anderen Krieges, die die Stadt und ihre Menschen zeichnen.

Die Ampel an der Straßenkreuzung, an der die Weltgeschichte ihre Wendung nahm, zeigt rot. Passanten bleiben an der Lateinerbrücke stehen, Autos biegen ab in die Bascarsija, die Altstadt Sarajevos. Hier also trat Gavrilo Princip am 28. Juni 1914 aus dem Schatten einer Markise und feuerte zwei tödliche Schüsse auf den habsburgischen Thronerben Franz Ferdinand und seine Gemahlin Sophie ab. Hier ereignete sich vor 100 Jahren das Attentat, das als Auslöser des Ersten Weltkriegs in die Geschichte eingehen sollte. Geschichtsträchtige Orte verleiten zu Spekulationen: Ob der Menschheit wohl einige Verheerungen des 20. Jahrhunderts erspart geblieben wären, wenn der serbische Nationalist Princip danebengeschossen hätte? Wenn der Erzherzog das Verdeck seines Sportcoupés zugezogen hätte? Wenn Franz Ferdinands Leibwächter nicht aus Versehen am Bahnhof zurückgelassen worden wären?

Die Ampel springt auf grün, und weil Ajla Plasko eine aufmerksame Stadtführerin ist, fragt sie ihre einzige Touristin an diesem Morgen, ob sie vielleicht einen Blick ins gegenüberliegende Franz-Ferdinand-Museum werfen möchte. Sehr gern. „Schön“, sagt die Stadtführerin, „dann besuche ich das Museum auch endlich einmal.“

„Wir reden hier viel vom Krieg, aber meinen eigentlich nie den Ersten Weltkrieg“

Wie kann es sein, dass eine erfahrene Stadtführerin Sarajevos noch nie in dem kleinen Museum war, das den Anlass des Ersten Weltkriegs dokumentiert? „Na ja“, sagt Ajla Plasko, „wir reden hier viel vom Krieg, aber wir meinen eigentlich nie den Ersten Weltkrieg. Der Bosnienkrieg – das ist unsere Urkatastrophe.“

Sarajevo, die Hauptstadt Bosnien-Herzegowinas, wird im Sommer einige Aufmerksamkeit erfahren. Die Wiener Philharmoniker werden zum Jahrestag des Attentats spielen, Historiker werden zusammenkommen, und ein Radrennen unter Schirmherrschaft der „Tour de France“ soll es auch geben. Die internationale Gemeinschaft fährt vor authentischer Kulisse ein buntes Programm auf, aber sehr vielen Menschen in Sarajevo ist das egal. Die Erinnerung an den Krieg vor 100 Jahren verblasst neben zahllosen Gedenktagen, die Bosniaken, Serben und Kroaten das ganze Jahr über begehen. Der Bosnienkrieg ist bald 20 Jahre her, aber die Wunden, die er aufriss, schwären noch heute.

„Jerusalem Europas“

Sarajevo war einst eine Vielvölkerstadt, galt mit ihren Moscheen, Kirchen und Synagogen als „Jerusalem Europas“. Die Olympischen Winterspiele von 1984 waren ein Fest des Miteinanders. Umschlossen von steilen Berghängen, eignet sich Sarajevo gut für Wintersport. Nur sieben Jahre später wurden dieselben Berge den Menschen zum Verhängnis. In die Sportstätten gruben serbische Heckenschützen Schießscharten und feuerten täglich Hunderte Granaten auf die Stadt, dreieinhalb Jahre lang. Auf Druck der USA und der EU endete mit dem Vertrag von Dayton 1995 die Belagerung Sarajevos. Der Vertrag brachte den Frieden – aber auf seiner Grundlage kriegen bosnische Politiker keinen funktionsfähigen Staat zustande.

Dayton – heute ist das ein Reizwort. „Die Freiheit, die uns Dayton gab, entspricht der Freiheit eines Gefesselten, den man ins Wasser wirft“, sagt Ermin Zatega. Der 39-Jährige hat seine Jugend als Kriegsflüchtling in Deutschland verbracht, heute arbeitet er in Sarajevo als Journalist für die unabhängige Nachrichtenagentur CIN. Zatega und seine Kollegen decken immer neue Korruptionsskandale im ethnisch gegliederten Machtapparat auf. „Der Vertrag von Dayton besagt, dass jede Ethnie an der Regierung beteiligt sein muss – so entscheidet nicht Leistung, sondern Proporz über die Besetzung von Ämtern“, sagt Zatega.

„Wo immer man hinblickt, entdeckt man Korruption“

Die Konfessionszugehörigkeit legt fest, welcher Ethnie die Menschen angehören. Dabei fallen weder die Bosniaken durch einen strengen Islam auf, noch machen die katholischen Kroaten oder die orthodoxen Serben einen besonders frommen Eindruck. Der Parität wegen verfügt Bosnien-Herzegowina trotz seiner knapp 3,8 Millionen Einwohner über 150 Ministerien. Doppel- und Dreifachbesetzungen sollen den brüchigen Frieden sichern. Der Staat ist der größte Arbeitgeber, 60 Prozent des Staatshaushalts fließen in die Verwaltung. „Für einen Journalisten sind das optimale Arbeitsbedingungen – wo immer man hinblickt, entdeckt man Korruption“, sagt Zatega. Obwohl er gut verdient und mit seiner Arbeit zufrieden ist, zählt auch Zatega zu den jüngeren fähigen Leuten, die ihr Land verlassen wollen: „Ich habe eine eineinhalbjährige Tochter, ein zweites Baby ist unterwegs – ich will nicht, dass meine Kinder in einem Land zur Schule gehen, in dem muslimische, orthodoxe und katholische Kinder getrennt unterrichtet werden.“

Im Schulwesen zeigt sich die ethnische Zersplitterung Bosnien-Herzegowinas sehr deutlich. Es gibt im Land zwölf Bildungsminister und keinen Konsens über das, was Schüler lernen sollen. Der Geschichtsunterricht hört beim Tod von Marschall Tito 1980 auf, die Jugoslawienkriege finden keine Erwähnung. Wie auch: Wen die Serben als Volksheld verehren, den verachten Bosniaken als Kriegsverbrecher, und umgekehrt. Mitunter treibt der Nationalismus groteske Blüten: Vor dem Krieg sprachen alle Serbokroatisch – jetzt steht auf Zigarettenschachteln ein und derselbe, immer gleich lautende Warnhinweis dreimal untereinander. Weil Serben serbisch sprechen, Bosniaken bosnisch, Kroaten kroatisch. Aber niemand spricht öffentlich über die vielen Männer, die böse Erinnerungen in Alkohol ertränken, über die im Krieg vergewaltigten Frauen und die Kinder, die Leid und Last ihrer Eltern schultern.

„Das hat hier niemand verwunden“

„Der Krieg ist nicht vorüber, die Waffen sind bloß nicht mehr da“, sagt Aida Becirovic. Ihr Büro ist im siebten Stock eines jener zahllosen pockennarbigen Hochhäuser Sarajevos, deren Fassade übersät ist mit Einschusslöchern. „Es waren Nachbarn, die sich bekriegt haben. Das hat hier niemand verwunden.“ Aida Becirovic fand Asyl in Straubing. In Bayern war sie das Ausländermädchen, in Bosnien galt sie vielen als Verräterin, weil sie den Bomben entkommen war.

Schon bald nach ihrer Rückkehr 1997 bemerkte Aida Becirovic, dass die Kriegsfronten in den Köpfen fortexistierten. Seitdem bringt die 33-Jährige Jugendliche der drei Ethnien zusammen: Für die deutsche Jugendhilfsorganisation SHL organisiert sie Jugendtreffen in Sarajevo. Viele Regionen des Landes sind jetzt monoethnisch, und weil Bosnien-Herzegowina mit einer Arbeitslosenquote von 45 Prozent zu den ärmsten Staaten Europas zählt und bei einem monatlichen Durchschnittseinkommen von 300 Euro Ausflüge für viele Familien undenkbar sind, kennen viele Kinder Serben, Kroaten oder Bosniaken nur aus den Schauergeschichten ihrer Eltern. „Der Nationalismus ist heute ein weit größeres Problem als vor 30 Jahren“, sagt Aida Becirovic.

Die Parteien schüren den gefährlichen Volksstolz. Er ist ihre Existenzgrundlage. Er – und die Abhängigkeiten, die jede Vetternwirtschaft durchziehen. „Jugendlichen wird nicht gesagt: Lern was, damit aus dir was wird. Stattdessen kriegen sie von ihren Eltern zu hören: Sieh zu, dass du dich mit jemandem aus der Politik gutstellst, damit er dir einen Posten verschafft“, sagt Aida Becirovic.

Im Krieg nannten sie die Straße „Sniper Allee“

Auch dagegen protestieren Mirza Rediepagic und Enes Ibricevic. Seit sechs Wochen stehen der 27-jährige Mirza und sein drei Jahre älterer Freund täglich um halb eins an einer großen Kreuzung Sarajevos. Einige Alte machen mit, wenig Junge, es ist ein kraftloser Protest. Beide sind Gitarrenlehrer an einer staatlichen Musikschule. Beide fordern eine von Parteiengeschacher unabhängige Bildungspolitik. Beide reden im Café eines Einkaufszentrums von Freiheit und meinen doch Verschiedenes.

Mirza sagt: „Die Mentalität der Leute ist das Problem: Wenn etwas kaputt geht, warten sie darauf, dass es wer anders für sie repariert.“ Enes: „Als sich der Staat noch um alles kümmerte, waren die Leute freier. Wir brauchen eine Art Sozialismus.“ Mirza: „Aber dann hinge deine Freiheit von deinem Parteibuch ab.“ Enes sagt nichts, er blickt aus dem Fenster, quer über die breite Straße Zmaja od Bosne. Im Krieg nannten sie die Straße „Sniper Allee“, weil Scharfschützen von den Plattenbauten ringsum wahllos Menschen erschossen. Enes nickt in Richtung des sanierten Holiday Inn.

„Unser Luftschutzkeller war damals hier ganz in der Nähe. Ich weiß noch genau, wie ich mit ein paar Jungs und unseren Gitarren quer über die Straße rannte, rein ins Hotel, um Konzerte zu spielen für die Kriegsreporter, die dort wohnten, und für die Leute von der UN, im Keller bei Kerzenlicht.“

Beklemmender als die Geschichten vom Krieg ist der Ton, in dem Enes sie erzählt. Wehmut haftet ja oft an Kindheitserinnerungen – aber selbst dann, wenn es Erinnerungen an Angst und Schrecken sind? „Ich glaube nicht, dass diese Stadt eine Zukunft hat“, sagt Enes. „Ich habe nur das Wissen um ihre Vergangenheit.“

Sarajevo im Jahr 2014. Die Menschen dieser Stadt erinnern sich nicht an die vor 100 Jahren gefallenen Schüsse. Und die vor 20 Jahren gefallenen Schüsse können sie nicht vergessen.

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