Unser Haus am Kanal: Die perfekte Erholung

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Stille Tage am Kanal: Das Ferienhaus bei Mailleroncourt ist so weit weg von allem Trubel, dass man sich hier automatisch erholt.

Wann ist Urlaub gut? Wenn das Ziel möglichst exotisch ist, das Hotel jeden erdenklichen Luxus bietet und Animation, Kultur oder Sehenswürdigkeiten keine Langeweile zulassen? Reiseredakteur Volker Pfau probierte das Gegenteil aus und fuhr mit der Großfamilie in ein Ferienhaus an einem Kanal, irgendwo in Frankreich, wo es rein gar nichts Sensationelles gibt. Nur Ruhe und Erholung.

Wie beschreibt man Kollegen und Freunden den Ort, an dem man die nächste Urlaubswoche verbringen will, wenn es im Umkreis von mehr als 100 Kilometern keine bedeutende Stadt gibt, so gut wie keine Sehenswürdigkeit von überregionaler Bedeutung? Wären wir auf die Malediven geflogen – jeder hätte wissend genickt. Aber wo genau ist unser Haus am Kanal in Mailleroncourt, wo wir eine Woche Urlaub verbringen wollen und das an der Grenze der französischen Regionen Franche- Comté und Lorraine liegt?

Der Mangel an Sehenswertem erweist sich als Segen

Im Internet haben wir dieses Haus entdeckt. Groß genug für sechs Erwachsene und fünf Kinder, preislich günstig, und hingefunden haben wir dank Online-Routenplaner und Navi letztlich alle. Telefon – Fehlanzeige. Internet und E-Mail – kein Anschluss vorhanden. Handyempfang – schwach, und im Fernseher gab’s ein paar französische Kanäle oder Schneegestöber zu sehen, je nach Wetterlage. Dafür hatte die Küche einen offenen Kamin. Wenn man bei prasselndem Feuer und einem Glas Rotwein die Probleme der Welt diskutiert, will man keine Mails mehr checken oder im Internet surfen. Die neuesten Nachrichten passieren vor unserer Nase: Die Schafe, die die Besitzer als Öko-Rasenmäher einsetzen, sind schon wieder ausbebüxt und kacken vor die Haustür.

Raubtierfütterung: Zum essen versammeln sich alle in der großen Küche.

Der Mangel an Sehenswertem erweist sich als Segen: Es gibt nichts, was man unbedingt besuchen müsste, was vor allem von den Kindern dankbar angenommen wird, die Kirchenbesichtigungen nicht zu den spannendsten Urlaubsbeschäftigungen zählen. Die Bande verschwindet gleich nach dem Frühstück im angrenzenden Wald und irgendwann, bei einem der Durstlöscher- Kurzbesuche, erfahren wir von dem ganz geheimen Lager, das sie hinterm Haus gebaut haben. Hier dürfen sie das. Es gibt keine Nachbarn, die über Kindergeschrei meckern, keinen Hausbesitzer, der alles verbietet, was ansatzweise Spaß macht, keine Straße, auf der viel zu schnell gefahren wird. Statt dessen Bäume, die erklettert werden müssen, Sträucher, die fantastische Ruten für Speere liefern, einen Bach und diverse Kanäle, die zur Stromgewinnung gestaut sind und auf deren größtem, dem Canal d’Est, ab und an ein Hausboot vorbeituckert. Wenn’s drei am Tag sind, herrscht reger Verkehr.

Küche mit offenem Kamin

Das Nichts bestimmt unseren Tagesablauf. Wir lassen uns treiben, leben in den Tag hinein und haben so viel Zeit zum Lesen, Quatschen, Rätseln, Holz hacken, Dasitzen und In-die-Luft-Schauen. Das ist ein Luxus, den ein Fünf-Sterne-Ressort mit der ständigen Angst, etwas Wichtiges zu verpassen, nicht bieten kann.

Flotter Spaß: eine Fahrt mit der Draisine.

Das Nichts regt aber auch die Fantasie an. Die Kinder schnitzen mit Begeisterung und Ausdauer auf der Treppe vor dem Haus mit dem Taschenmesser Muster in Haselnussstöcke, sie wickeln Teig darum und backen am Lagerfeuer Stockbrot. Auch das nicht ganz vertrauenerweckend aussehende Ruderboot wird zu Wasser gelassen und, oh Wunder, es hält dicht. In wechselnden Besetzungen, aber jedes Mal mit viel Gaudi, wird nun im ruhigen Teil des Kanals rumgepaddelt, bis jeder mal dran war und am Ende doch alle nass sind EinpaarAusflügehabenwirdann dochnochgemacht.Irgendwiepasste es in diesen einfachen Urlaub, dass ausgerechnet das einzige etwas bekanntere Ziel, die von Le Corbusier erbaute Kapelle Notre Dame du Haut in Ronchamp, wegen Bauarbeiten nur eingeschränkt zu besuchen war. Als authentische Attraktionen erwiesen sich dafür eine Fahrt mit einer Draisine bei Vesoul und der Besuch der Glasbläserei La Rochère (s.u. Info-Kasten).

Ohne Zögern würden wir diesem Urlaub fünf Sterne verleihen. Selbst kochen, selbst abspülen, die Betten selber machen – das Einfache kann einem so viel Erholung bescheren, wenn man es nicht als Arbeit empfinden kann. Die Kinder hätten unser Haus am Kanal am liebsten sofort fürs nächste Jahr reserviert. Und wir Erwachsenen überlegen es uns ernsthaft, ihnen diesen Wunsch zu erfüllen, denn auch uns hat dieser Aufenthalt sehr gutgetan.

DIE REISE-INFOS ZUM HAUS AM KANAL

REISEZIEL Mailleroncourt liegt im Departement Haute Saône in der französischen Region Franche-Comté.

ANREISE Von München aus mit dem Auto über Stuttgart, Karlsruhe, Freiburg, Mulhouse und Belfort. Entfernung rund 550 Kilometer, Autobahn-Maut in Frankreich 2,80 Euro.

AUSFLÜGE DRAISINE: In der Nähe von Vesoul ist eine neun Kilometer lange strecke für Draisinen eingerichtet, auf der zwischen April und Oktober täglich gefahren werden kann. Preis: 20 Euro. Info und Reservierung unter Tel. 00 33/381/55 19 40 oder www.velorailvesoul.com.

GLASBLÄSEREI: Seit 1475 wird bei La Rochère Glas hergestellt. Zwischen 1. April und 31. Oktober kann man den Glasbläsern bei der Arbeit zusehen, Verkauf ganzjährig. Weitere Infos: Tel. 00 33/384/78 61 13, www.larochere.com.

FERIENRIENHAUS: Die Miete kostet 450 Euro pro Woche für sechs Personen, jede weitere Person kostet 50 Euro. Infos im Internet unter www.abritel.fr/location-vacances/p674719. Die Besitzer sprechen auch englisch und Deutsch.

INFO: Atout France, französische Zentrale für Tourismus, Postfach 10 01 28, 60001 Frankfurt; www.

franceguide.com

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