Ungewöhnliche Freundschaft

100-Jährige Wolfhagerin feiert Weihnachten bei 28-jähriger Freundin

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Ungewöhnliche Freundschaft: Anneliese Hagel (links) bekommt täglich Besuch von Jennifer Elges. Die möchte ihre Adoptiv-Oma an Weihnachten nach Hause holen.

Wolfhagen. Die eine hat schon 100 Mal Geburtstag gefeiert, die andere ist gerade einmal 28 Jahre alt. Dennoch sind zwei Frauen aus Wolfhagen unzertrennlich. Heute wollen sie zusammen Weihnachten feiern.

Die Wände des kleinen Zimmers im Seniorenzentrum Phönix in Wolfhagen hängen voll mit Bildern: Zeichnungen und Fotos zeigen Anneliese Hagel als junges Mädchen und zusammen mit ihrem Mann. Sie zeugen von 100 Lebensjahren eines Menschen, der in der Vergangenheit alleine Weihnachten feiern musste. Dieses Jahr soll sich das ändern: Geplant ist, dass Hagel das Fest bei Jennifer Elges und ihrer Familie in Wolfhagen verbringt.

Die beiden Frauen verbindet eine ebenso tiefe wie ungewöhnliche Freundschaft. Aus der ursprünglich reinen beruflichen Verbindung ist längst ein Verhältnis voller Vertrauen und Liebe geworden. „Ich nenne Anneliese Oma, weil sie für mich wie eine Großmutter ist“, sagt Elges. „Wenn du nicht wärst, würde ich nicht mehr existieren“, sagt Hagel an ihre Zieh-Enkelin gewandt.  

Nach vielen Weihnachtsfesten alleine ist für dieses Jahr wieder eine Feier im Familienkreis geplant: Elges will ihre 100-jährige Freundin mit nach Hause nehmen. „Wir wollen bei meinem Vater daheim feiern, zusammen mit meiner Familie. Aber das ist nur möglich, wenn Omas Gesundheit mitspielt.“ Um die stand es zuletzt nicht zum Besten: Zwei Krankenhausaufenthalte in diesem Jahr hat Anneliese Hagel mitgemacht. „Alle dachten, sie würde sterben. Aber Oma hat es allen gezeigt.“

Kennengelernt haben sie sich über Elges Tätigkeit im ambulanten Pflegedienst. Bis vor Kurzem hat sich die 28-Jährige um die alte Dame gekümmert, die sich in den vergangenen 30 Jahren in ihrer Wohnung in Balhorn selbst versorgt hat. „Seit August bin ich im Pflegeheim. Gesundheitlich ging es mir nicht mehr so gut, dass ich weiter alleine leben könnte“, sagt Hagel, die trotz ihres Alters geistig völlig klar ist. Bei aller Vorfreude auf das Fest im Familienkreis sind die Gedanken übers Sterben stets allgegenwärtig. Aus diesem Grund hat Hagel ihren Nachlass bereits geregelt und Elges sämtliche Vollmachten übertragen.

Für Anneliese Hagel ist die Gesellschaft der jungen Frau „ein großes Geschenk. Das passiert nicht jeden Tag“. Was die beiden erleben, wünschen sie sich auch für Andere. „Es wäre schön, wenn sich noch mehr junge Menschen bereit erklären, sich um Senioren zu kümmern. Viele ältere Menschen brauchen Hilfe und freuen sich über Gesellschaft“, sagt Elges. Sie selbst kommt täglich für ein bis zwei Stunden zu ihrer „Oma“. „Sie ist die Einzige, die jeden Tag Besuch bekommt.“ Neben ihrer Arbeit als Krankenschwester ist die Betreuung von Anneliese Hagel zwar zeitintensiv, aber für beide ein wichtiger Bestandteil des Tages. „Wenn sie nicht kommt, habe ich Sehnsucht“, sagt Hagel.

Egal, wieviel Zeit noch bleibt: Die beiden Frauen wollen sie genießen und zur Ruhe kommen.

Von Christine Heinz

Quelle: HNA

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