Hugo Schulz erinnert sich an die Fahrt zur DDR-Grenze 1989

30 Jahre Mauerfall: Sie waren die ersten Wessis in Beberstedt

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Erinnerungsfoto: Vor 30 Jahren, am 11. November, fahren Hugo und Christian Schulz aus Wolfhagen, hinter die Grenze nach Thüringen. Das Foto zeigt (von links) Lisa, Karl, Benno, Winfried und Hugo Schulz. Im Hintergrund ist der Grenzzaun zu sehen.

Die Grenze zwischen der DDR und der Bundesrepublik öffnet sich am 9. November 1989. Zwei Tage später steht der Wolfhager Hugo Schulz mit  Sohn Christian im thüringischen Beberstedt.

Es ist der Beginn einer Freundschaft mit einer Familie aus dem kleinen Eichsfelddorf, die bis heute hält.

Das liegt nun 30 Jahre zurück, doch für den 85-Jährigen sind die Erinnerungen taufrisch. Die Nachrichten im Radio und im Fernsehen, die Autoschlangen an der Grenze hinter Wanfried, das sonnige Herbstwetter, das nur vom Qualm der Trabis auf den verstopften Straßen eingetrübt wird und überall die unfassbare Freude.

Am 11. November 1989 sitzt Hugo Schulz am Mittagstisch, als er sich unter dem Protest seiner Frau entscheidet, mit seinem Sohn zur Grenze zwischen Wanfried und Katharinenberg aufzubrechen. Je näher die beiden dem Zaun kommen, desto voller werden die Straßen. Autos aus Ost und West stehen Stoßstange an Stoßstange. Alles ist auf den Beinen. 

In Wanfried war alles dicht - erinnert sich Hugo Schulz

„In Wanfried war alles dicht“, schreibt Schulz in einer Abhandlung, in der er seinen Lebensweg skizziert hat. „Südfrucht-Großhändler standen mit Lastzügen voll Bananen da, die DDR-Leute kauften in Massen von den eben erst erhaltenen 100 D-Mark. Die Wanfrieder standen vor ihren Häusern oder lagen in den geöffneten Fenstern mit Kaffee und Kuchen oder der Schnapsflasche mit Gläsern in der Hand, um einen Begrüßungstrunk einzuschenken.“ Viele ältere Menschen aus den Nachbardörfern in Thüringen hätten damals erstmals wieder ihre Verwandten gesehen, erzählt Schulz, der früher als Garten- und Landschaftsbautechniker tätig war.

Hugo Schulz, Rentner aus Wolfhagen

Die letzten Kilometer hinter Wanfried fahren Vater und Sohn zwischen den Fußgängern im Schritttempo. Neben ihnen laufen zwei junge Männer – Benno und Winfried. Beide kommen aus Thüringen und sind auf dem Weg zurück in den Osten, wo sie mit Bennos Eltern verabredet sind, um nach Beberstedt zu fahren. Christian Schulz bietet an, die Männer mitzunehmen. 

Einladung zur Kirmes in Beberstedt

Die steigen ein und laden die Wolfhager zur Kirmes nach Beberstedt ein. „Über schmale, schlechte Straßen fuhren wir 35 Kilometer durch DDR-Gebiet, ohne notwendige Genehmigungen. Alles zusammen – die grauen Hausfassaden in schlechtem Zustand, die Lautsprecher an den Strommasten, die schlechten, mit Schlacke befestigten Bürgersteige ergänzten das triste Bild“, heißt es in seinem Bericht.

Am Abend treffen Hugo und Christian Schulz in Beberstedt ein, nach 132 Kilometern und sieben Stunden. Bennos Eltern, Karl und Lisa, laden die Wolfhager in ihr Haus ein, es gibt selbst geschlachtete Wurst und warme Getränke. Dann geht es zur Kirmes auf den Dorfsaal. Christian Schulz wird als „erster Wessi“ in Beberstedt vorgestellt und hält vor der Dorfgemeinschaft eine spontane Rede. Es wird gefeiert, wenig später treten beide die Heimreise an. 

Aus der Begegnung an der ehemaligen Grenze ist eine Freundschaft entstanden mit regelmäßigen Besuchen und Telefonaten, sagt der heute 85-jährige Hugo Schulz. Anfang der 1990er-Jahre fuhren beide Familien zusammen in die Alpen. Schulz und seiner Frau bereitete es große Freude, den Freunden aus Beberstedt das Hochgebirge zu zeigen und in deren faszinierten Gesichter zu blicken.

Quelle: HNA

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