Hamid Razei floh mit 15 Jahren aus dem Iran und kam in den Schwalm-Eder-Kreis

Wie ein Abwehrspieler

Ist jetzt in Homberg zu Hause: Hamid Razei stammt aus Afghanistan, wuchs aber im Iran auf. An sein Geburtsland kann er sich kaum noch erinnern. Foto: Yüce

Homberg. Es sind nur Momente, in denen es Hamid Razei zulässt, dass jemand in seine Vergangenheit eintaucht. Der 20-Jährige hat gelernt sich mit einem freundlichen Lächeln zu schützen, denn jeder Blick zurück schmerzt.

Denn dann sieht er seine Eltern, die ihn verstoßen haben, dann sieht er den Iran, ein Land in dem er aufwuchs und das doch nicht seine Heimat ist. Und dann sieht der junge Afghane, dass er bereits mit 14 Jahren sein Leben selbst in die Hand nehmen musste – ohne Familie, ohne Papiere und ohne Zukunft im Iran.

Es war ein Onkel, der dem Jungen zur Flucht half. Wohin diese ihn führen sollte, war Hamid Razei nicht klar. Von Deutschland hatte er noch nie etwas gehört. „Mein Onkel gab Männern Geld dafür, dass sie mich in einem Auto mit in die Türkei nehmen“, sagt Razei. Mit acht Personen haben sie sich in ein Auto gequetscht und dann ging sie los, die Fahrt durch fremde Länder – in ein neues Leben.

Angst vor den Schützen

„Wir sind zu Fuß über die Grenze gegangen“, erinnert er sich. Und er denkt auch an die Angst, die er hatte. „Wären wir entdeckt worden, hätten sie uns erschossen.“ Es war nicht das letzte Mal, dass der Junge um sein Leben fürchtete. Denn von der Türkei ging es auf einem überladenen Flüchtlingsboot weiter nach Italien und über Griechenland nach Deutschland. Viele Familien seien auf der Flucht gewesen, Männer, Frauen und er, der Junge. Fast ein Jahr dauerte die Ungewissheit.

„Es ging immer nur darum, zu überleben“, sagt der heute 20-Jährige und lächelt wieder. Sein Lächeln scheint wie eine freundliche, aber bestimmte Abwehr. Egal, wie schlimm es ist, wovon er berichtet, sein Lächeln verliert Hamid Razei nicht. Nicht, als er davon erzählt, dass er auf der Flucht und auch später viel geweint hat und sich noch immer einsam fühlt. „Ich bin eine Einzelperson.“

„Ich möchte mir was aufbauen, damit es meinen Kindern einmal besser geht.“

Hamid Razei

Auch nicht, als er von seinem suchtkranken Vater erzählt, der ihn, seinen einzigen Sohn, einfach nicht wollte. Und dann nicht, als er seinem sehnlichsten Wunsch verrät. „Ich will irgendwann meinen Vater finden und ihm zeigen, dass er stolz auf mich sein kann.“

In Deutschland kam Hamid Razei zunächst in ein Kinderheim. „Später, am 14. Juni 2010, wurde ich in das Beiserhaus nach Rengshausen gebracht“, sagt er. An dieses Datum erinnert er sich gerne. Er fühlte sich zum ersten Mal angekommen. „Ich habe ein Jahr im Beiserhaus gewohnt und schnell Deutsch gelernt“, sagt er. Dann musste er wieder ausziehen. „Das fühlte sich an wie eine Strafe. Hätte ich die Sprache nicht so gut gekonnt, hätte ich bleiben können“, glaubt er.

So fiel er wieder aus dem Nest, landete im Asylbewerberheim in der Bahnhofstraße in Homberg. Die Unterbringung sei schlecht gewesen, sagt er. Die wenigen Möbel waren kaputt, die Matratzen zerschlissen und das Haus viel zu voll. Doch seien all die Menschen, die dort wohnen, froh, in Sicherheit zu sein. Da spiele es keine Rolle, dass die Einrichtung marode sei.

Es war keine Strafe

Heute weiß er, dass es keine Strafe war, in das Asylbewerberheim zu kommen. Denn er hat auch diesen Sprung geschafft, ist selbstständiger geworden, hat seinen Hauptschulabschluss sehr gut abgeschlossen und eine Lehre zum Maurer begonnen. Mittlerweile lebt er in seiner eigenen kleinen Wohnung in Homberg. „Ich möchte nicht Nichts tun“, sagt er. „Ich möchte eine Zukunft haben.“ Dafür kämpft er. Tag für Tag. Wenn er das Gefühl hat, wegen seines fremden Aussehens angestarrt zu werden, lächelt er die Menschen einfach an.

Das fällt ihm schwer, denn er fühlt sich wieder nicht gewollt. „Ich möchte den Leuten zeigen, dass wir Ausländer nicht schlecht sind. Das glauben die Menschen hier.“ Seit er Fußball in Uttershausen spielt – in der Abwehr – fühlt er sich angenommen. Etwas möchte er noch los werden: „Keiner verlässt freiwillig seine Familie und sein Heimatland, wenn es ihm dort gut geht.“ Dann lächelt er wieder – das traurige Lächeln eines Abwehrspielers.

Von Maja Yüce

Quelle: HNA

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