ADHS bei Kindern: Interview mit der Erziehungsberaterin

Franziska Schlag, Leiterin der Erziehungsberatungsstelle des Landkreises Kassel. Foto: Archiv

Wolfhager Land. Laut einer aktuellen Pressemitteilung der AOK Hessen hat sich die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die unter einer Aufmerksamkeitsdefizit- / Hyperaktivitätsstörung (ADHS) leiden, in den vergangenen zwei Jahren fast verdoppelt.

Fallzahlen für den Altkreis Wolfhagen gibt es nicht. Wir haben mit Franziska Schlag, Leiterin der Erziehungsberatungsstelle des Landkreises Kassel, über Ursachen, Symptome und die Behandlung von ADHS gesprochen.

Frau Schlag, können sie die starke Zunahme der Diagnose ADHS bei Kindern bestätigen?

Franziska Schlag: Das wechselt. Wir haben immer wieder Jahre, in denen viele Kinder wegen der Diagnose ADHS in die Erziehungsberatungsstelle kommen, in anderen Jahren sind es weniger. Uns begegnen Kinder mit ADHS häufiger in anderen Zusammenhängen, etwa wenn es eigentlich um unterschiedliche Erziehungsstile, eine Trennung der Eltern oder Schulschwierigkeiten geht. Solange Kinder unkompliziert sind, macht es nicht soviel aus, wenn die Eltern sich in Erziehungsfragen nicht einig sind. Verfestigen können sich die Konflikte, wenn Kinder Besonderheiten mitbringen.

Was für Besonderheiten können das sein?

Schlag: Es gibt Kinder, die bringen genetisch eine höhere Verletzlichkeit mit, sie sind reizempfindlicher. Aber nicht alle Kinder mit ADHS weisen diese so genannte Vulnerabilität auf. Es gibt viele Ansätze, ADHS zu erklären. Einigkeit herrscht bei den Symptomen.

Welche Symptome gibt es?

Schlag: Ein durchgehendes Muster sind Unaufmerksamkeit, Impulsivität und Überaktivität.

Kann man Auslöser für ADHS benennen?

Schlag: Das können Belastunden in der Familie und im Umfeld sein, wie zum Beispiel die Trennung der Eltern. Kinder, die eine höhere Verletzlichkeit mitbringen, reagieren sensibler. Aber auch ein frühkindliches Trauma oder eine frühe Beziehungsstörung können Auslöser sein; ebenso wie Drogen- und Alkoholmissbrauch der Mutter während der Schwangerschaft.

Was sollten Eltern von Kindern mit ADHS in der Erziehung beachten?

Schlag: Die Kinder brauchen das, was alle Kinder brauchen, nur im noch stärkerem Maß. Und das ist eine große Verlässlichkeit und Berechenbarkeit in der Erziehung. Sie brauchen Orientierung und Halt. Was ich darüber hinaus für sehr wichtig in der Erziehung halte, das sind Geduld und Humor.

Kontrovers diskutiert werden Medikamente wie Ritalin.

Schlag: Das sollte man aus meiner Sicht nicht zur Glaubensfrage machen. Wir orientieren uns daran: Was hilft der Familie, was braucht das Kind, um gut durch den Alltag zu kommen? Medikamente können die Steuerungsfähigkeit verbessern, was gerade in der Schule hilfreich ist. Das Risiko ist, das die Kinder sich nicht mehr so gut spüren.

Gibt es weitere Behandlungsmöglichkeiten?

Schlag: Die Verhaltenstherapie ist sehr erfolgreich. Auch familientherapeutisch kann man arbeiten. Die Kinder brauchen vor allem Unterstützung im Bereich der sozialen Kompetenz in der Gruppe. Da gibt es wenig Angebote.

Noch einmal zum Anstieg der Fallzahlen. Ist ADHS eine Modekrankheit?

Schlag: Eine gesunde Skepsis gegen so ein Massenphänomen ist berechtigt. Aber die Anforderungen an die Diagnose sind sehr hoch. Ich glaube, dass die Leistungsansprüche und die Anforderungen an die Anpassungsfähigkeit der Kinder heute sehr groß sind. Sie sind enorm gefordert, sich immer wieder neu zu orientieren. Und auch Eltern stehen unter einem ziemlichen Druck. (mex)

Von Meike Schilling

Quelle: HNA

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