Zwölf Zentimeter zusätzlich

Adrian aus Rotenburg ist kleinwüchsig: Künstliche Verlängerung soll dem Achtjährigen helfen

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Bei seiner Lieblingsbeschäftigung: Wenn der achtjährige Adrian seine Hausaufgaben gemacht hat, spielt er in seinem Zimmer gerne mit Lego.

Braach. Fragt man Kinder nach ihrem Berufswunsch, beginnt die Antwort oft mit „Wenn ich groß bin...“. Adrian Ackermann aus Braach weiß jetzt schon, dass er nie so richtig groß werden wird.

Der achtjährige Adrian Ackermann ist kleinwüchsig. Auf den ersten Blick sieht man ihm das aber nicht an, denn seine Eltern haben sich für einen ungewöhnlichen Schritt entschieden: Sie haben Adrian verlängern lassen.

Angefangen hat alles in der 33. Schwangerschaftswoche, erinnert sich seine Mutter Sara Ackermann: „Der Arzt teilte uns mit, dass irgendetwas mit Adrian nicht stimmt.“ Als dann feststand, dass ihr Erstgeborener Achondroplasie hat, wie die angeborene Wachstumsstörung korrekt heißt, „war das ein großer Schock für uns“, erinnert sich die 46 Jahre alte und inzwischen alleinerziehende Mutter. Sie informierte sich umgehend beim Bundesverband Kleinwüchsige Menschen und ihre Familien (BKMF), der die Interessen kleinwüchsiger Menschen vertritt. Sie sprach mit Experten und suchte nach Möglichkeiten, ihrem Sohn ein „halbwegs normales Leben“ zu ermöglichen – ohne permanent auf seine Größe reduziert zu werden.

Schließlich stießen sie auf einen Kinderorthopädie-Professor aus Münster, der Arm- und Beinverlängerungen anbietet. „Das ist nicht ganz unumstritten“, sagt sie, „so eine Verlängerung ist für das Kind eine schmerzhafte Tortur.“

Denn bei diesem Eingriff werden die Knochen gebrochen. Der Körper bildet daraufhin, vereinfacht beschrieben, automatisch Knochenmasse, um den Bruch zu heilen. Das macht man sich zunutze, indem man beispielsweise an den Beinen ein Haltesystem mit Schrauben befestigt, an denen man nach und nach dreht, um so die Beine zu verlängern. „Pro Tag kann man so den Knochen um einen Millimeter auseinanderziehen“, erklärt Sara Ackermann, die das Nachdrehen zu Hause selbst mit einem Inbusschlüssel übernimmt.

Zwei Bein-Verlängerungen und eine Arm-OP hat Adrian bereits hinter sich, weitere sollen noch folgen. „Ja, das tut schon richtig weh“, sagt Adrian, „aber für mich zählt, dass ich damit später größer werde als andere Kleinwüchsige.“

Kinderorthopäden hatten ausgerechnet, dass Adrian ohne Operationen eine Größe von maximal 1,41 Meter erreichen würde. „Mit den Operationen wird Adrian um insgesamt 24 Zentimeter verlängert, also wird dann etwa 1,65 Meter groß“. Als kleinwüchsig gilt laut BKMF, wer höchstens 1,50 Meter groß ist.

Adrian geht in die dritte Klasse der Albert-Schweitzer-Schule in Rotenburg. Seine Lieblingsfächer sind Mathe, Sport und Kunst. Nachteile ob seiner Größe erfährt er im Klassenzimmer nach eigenen Angaben nicht. „Die Schulleitung unterstützt uns wirklich sehr und hatte uns für die Zeit nach den Operationen eine Schulbegleitung vermittelt“, sagt Sara Ackermann. Diese Schulbegleitung, ein Student, half Adrian nach den Operationen auf dem Weg zur Schule, trug seinen Ranzen, half ihm in die Jacke, unterstützte ihn im Unterricht. „Das ist das Schöne an der Schule: Jeder darf ein Handicap haben, jeder wird gefördert“, sagt die Mutter.

Anfangs ist sie mit ihm auch zu den jährlich stattfindenden Kleinwüchsigen-Treffen des hessischen BKMF-Landesverbandes in Hohenroda gefahren. „Da möchte Adrian aber nicht mehr hin“, sagt Sara Ackermann, „er fühlt sich inzwischen eher den Großen zugehörig.“

Stichwort Achondroplasie

Achondroplasie ist eine angeborene Wachstumsstörung des Knorpel- und Knochengewebes. Die Krankheit, die bei einer von 20.000 Geburten vorkommt, äußert sich in Kleinwuchs und einer Verschiebung der Körperproportionen: Arme und Beine sind besonders kurz, der Kopf hingegen groß. 

Achondroplasie hat keine Auswirkungen auf Lebenserwartung und Intelligenz. In Deutschland werden jedes Jahr 40 bis 45 Kinder mit der Wachstumsstörung geboren. Weltweit sind rund 250.000 Menschen betroffen.

Dieses Video ist ein Inhalt der Videoplattform Glomex.

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