Ein Projekt im Schwalmstädter Gefängnis hat Entlassung der Über-50-Jährigen im Fokus

Integration 50 plus: Ältere Straftäter üben den Alltag

Ziegenhain. Resozialisierung - das Zauberwort des Strafvollzugs hat für Patricia Detroy eine besondere Bedeutung. Im Ziegenhainer Gefängnis macht die Sozialpädagogin Gefangene fit für das Haftende. Mit dem Projekt Integration 50 plus hat die Sozialpädagogin dabei speziell ältere Häftlinge im Blick.

Was ist, wenn die Fenster plötzlich keine Gitter mehr haben? Chancen auf dem Arbeitsmarkt nicht nur durch einen Gefängnisaufenthalt sinken und sich zudem das Alter sich nicht als Pluspunkt bemerkbar macht?

Lernen und eine entsprechende Berufsausbildung hinter Schloss und Riegel sind die beste Voraussetzungen für den Aufbau einer neuen Existenz außerhalb der Gefängnismauern. Dennoch sei der Übergang in die Freiheit insbesondere für ältere Gefangene schwierig, erklärt Detroy. Und die Älteren werden auch im Ziegenhainer Gefängnis immer mehr. Allein im vergangenen Jahr habe sie 25 Gefangene, die älter als 50 Jahre sind, bei den ersten Schritten in ein neues Leben begleitet. Der Weg in die Freiheit beginnt allerdings schon lange bevor sich das Gefängnistor öffnet, denn genau die Selbstständigkeit, die viele Jahre nicht erwünscht war, gilt es nun wieder mühsam anzutrainieren: „Am Tag der Entlassung soll sich völlige Unselbstständigkeit plötzlich in Selbständigkeit verwandeln.“ Schritte, die aus ihrer Sicht noch einfacher zu bewältigen waren, als Häftlinge noch vermehrt über den offenen Vollzug erste Schritte in Freiheit wagten. Jetzt hilft und unterstützt sie bei vielen bürokratischen Aktionen. Das reicht von der Job- bis hin zur Wohnungssuche, sie berät bei Versicherungsfragen. Zum Beispiel zahlen Gefangene während der Zeit ihrer Haft keine Rentenversicherungsbeiträge, erklärt Detroy. Erst vor Kurzem habe einer ihrer Klienten bei einer Anfrage erstmals eine Rentenversicherungsnummer bekommen - und das als Überfünfzigjähriger. Auch stehen ältere Gefangene ihrer Erfahrung nach häufig komplizierten rechtlichen Situationen gegenüber. Detroy erinnert sich da an den Fall eines Häftlings, der sich, als einziger Sohn, bei seiner Entlassung mit einem Hausverbot in seinem Elternhaus konfrontiert sah.

Trainiert werden muss Alltag, denn insbesondere bei der rasanten technischen Entwicklung außerhalb der Mauern können die Häftlinge nicht mithalten: Handy und Computer sind tabu im Knast. Manchen ist der Umgang mit der Euro-Währung vollkommen fremd - einkaufen muss geübt werden. „Jede Ausführung eines Gefangenen hat einen bestimmten Grund“, sagt die Sozialpädagogin.

Von Sylke Grede

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Quelle: HNA

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