„Ärzte haben entschieden“

Interview: GNH-Vorstandschef Dr. Sontheimer zur Schließung der Geburtshilfe

+
Will die Geburtshilfe nicht schließen: GNH-Vorstandsvorsitzender Dr. Gerhard Sontheimer. 

Wolfhagen. Mit der angekündigten Streichung des geburtshilflichen Angebots an der Kreisklinik Wolfhagen ist massive Kritik an der Gesundheit Nordhessen Holding (GNH) laut geworden. Wir sprachen mit Vorstandsvorsitzenden Dr. Gerhard Sontheimer über die Hintergründe, die zur Aufgabe geführt haben.

Herr Dr. Sontheimer, zuletzt kamen an der Wolfhager Klinik wieder mehr Kinder zur Welt (2012 waren es 256 Babys), warum wollen Sie die Geburtsstation nun schließen?

Dr. Gerhard Sontheimer: Das ist ein Missverständnis, denn die GNH will die Abteilung nicht schließen. Die Belegärzte haben erklärt, die Arbeit einstellen zu wollen. Die GNH stellt lediglich die Infrastruktur, damit die Belegärzte tätig werden können.

Dann lag die Entscheidung also nicht in Ihrer Hand?

Dr. Sontheimer: Absolut nicht.

Und Sie wurden von der Schließungsabsicht überrascht? 

Dr. Sontheimer: Wir haben das nur etwas früher erfahren als Sie. Die Bedingungen im Gesundheitswesen sind für uns alle gleich. Wir hätten die Entscheidung so nicht getroffen. Wir haben aber Verständnis für die Entscheidung der niedergelassenen Frauenärzte. Sie haben das Problem, rund um die Uhr, sieben Tage die Woche sicherzustellen, dass sie innerhalb von 20 Minuten im Kreißsaal sein können.

Sehen Sie denn noch Chancen, dass die Geburtshilfe über den 31. Januar 2014 bestehen bleibt? 

Dr. Sontheimer: Wenn wir das Personal haben, schon. Würden die Belegärzte und Hebammen ihre Entscheidung überdenken, sich ein anderes Ärzteteam finden und hätten wir genügend Pflegekräfte, warum nicht? Selbst wenn die Geburtshilfe für mehrere Monate ruhen würde, ließe sie sich bei entsprechender Personalausstattung und Bereitschaft wiederbeleben.

Als Grund für die Schließung wird angeführt, dass ein leitliniengerechtes medizinisches Angebot in der Geburtshilfe nicht aufrechterhalten werden kann. Zentral hierbei ist der Fachkräftemangel. Können Sie das bestätigen? 

Lesen Sie auch:

- Protest gegen das Aus der Geburtshilfe

- HNA-Kommentar zum Aus der Geburtshilfe in der Wolfhager Klinik

- Geburtshilfe in der Wolfhager Klinik schließt

Dr. Sontheimer: Es ist schwierig, in dem Bereich jemanden zu finden. Eine Auflage des Gesetzgebers ist es, dass wir fachweitergebildete Pflegekräfte, also Kinderkrankenschwestern, vorhalten müssen und zwar rund um die Uhr. Wir brauchen 5,5 Kinderkrankenschwestern, die haben wir auch im Stellenplan. Vor kurzem hat eine gekündigt, die Stelle konnten wir besetzten. Zwei sind langzeiterkrankt. Wir haben uns dann damit geholfen, dass wir Leihkräfte eingesetzt haben. Aber eine Dauerlösung ist das natürlich nicht.

Empfinden Sie es als persönliche Niederlage, die beliebte Geburtshilfestation nicht erhalten zu können? 

Dr. Sontheimer: Nein. Ich wüsste nicht, was man noch mehr tun kann, als einen unwirtschaftlichen Bereich wie die Geburtshilfe querzufinanzieren. Alle geburtshilflichen Abteilungen, die weniger als 400 Geburten haben, stehen unter Druck. Es ist letztlich die Frage, welche gibt als erste auf.

Mitarbeiter klagen seit Zusammenlegung mehrerer Stationen über deutlich höhere Arbeitsbelastungen und gravierende Mängel in der Organisation. 

Dr. Sontheimer: Die Personalkosten für 5,5 Kinderkrankenschwestern in Wolfhagen zehren bei 220 Geburten bereits die gesamten Erlöse für normale Geburten auf. Und die Station war nicht ausgelastet. Wir mussten die Stationen zusammenlegen, um so die finanziellen Defizite zu begrenzen. Wenn zwei Teams zusammenwachsen, ist das natürlich für alle Beteiligten zunächst eine Herausforderung.

Kritiker sehen im Verlust der Geburtshilfe den Beginn einer Abwärtsspirale, an deren Ende das Aus der kompletten Klinik stehen könnte. 

Dr. Sontheimer: Die Katastrophenstimmung ist nicht angebracht. Es wird weiterhin Angebote in Gynäkologie, Urologie, HNO, Innerer Medizin und Chirurgie geben. Generell muss man festhalten, dass größere Krankenhäuser stärker wachsen. Aber auch in kleineren Kliniken werden gute Leistungen erbracht.

Halten Sie bei der gegenwärtigen Entwicklung an den Plänen für einen Neubau der Klinik in Wolfhagen fest? 

Dr. Sontheimer: Ja.

Zur Person

Gerhard M. Sontheimer (54) hat in Ulm, Stuttgart, Heidelberg und London Medizin und Physik studiert. Der promovierte Mediziner war zwölf Jahre als Managementberater in der pharmazeutischen Industrie und für Unternehmen der Medizintechnik tätig. Sontheimer ist mit einer Ärztin verheiratet und hat zwei Kinder. (bic)

Von Antje Thon und Norbert Müller

Quelle: HNA

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare