Interview mit Dr. Edgar Franke über Privatpatienten, Lobbyismus und Überversorgung

Ärztemangel? Nur lokal!

Der Hausarzt auf dem Lande: Ihn sollte man besser honorieren, die Zahl der Ärzte in attraktiven Gegenden dafür beschränken, meint Franke. Archivfoto: dpa

Herr Dr. Franke, Sie sind jetzt als Abgeordneter für die SPD-Fraktion im Gesundheitsausschuss des Bundestages. Warum gerade dieses Thema?

Dr. Franke: Dafür habe ich mich ganz bewusst entschieden. Weil Gesundheit etwas ist, das alle Leute angeht und sie auch interessiert. Viele sind zwar politikmüde, aber zu Veranstaltungen über Gesundheitsthemen kommen sie und stellen viele Fragen, als Patient wie als Beschäftigter im Medizinsektor.

Können Sie den Leuten denn plausible Antworten geben?

Dr. Franke: Was ich ihnen sage, ist, dass man Gesundheitspolitik grundsätzlich aus Sicht der Patienten sehen muss. Es ärgert mich wirklich, dass man häufig nicht von den Patienten, von der guten, der bezahlbaren Versorgung aller Bevölkerungskreise aus argumentiert, sondern aus der Sicht der vielen Lobbyisten.

Was bedeutet das denn?

Dr. Franke: Zum Beispiel der Ärztemangel, von dem dauernd die Rede ist. Wir haben keinen Ärztemangel, höchstens lokal. Ich habe die neuesten Zahlen, und die sagen: Aktuell gibt es 335 000 Ärzte, davon 145 000 ambulant tätige in Deutschland. So viele Ärzte gab es noch nie. Und sie verdienen vergleichsweise gut.

Ist die große Zahl der Ärzte denn das Problem?

Dr. Franke: Nein, wir haben viel mehr ein Verteilungsproblem. Eine Überversorgung in Gebieten, die hoch attraktiv sind, wo Geld ist, in den Städten und Regionen, etwa in Süddeutschland. Dort haben wir eine deutliche Überversorgung, manchmal mehrere hundert Prozent.

Viele Ärzte bedeuten also auch automatisch höhere Kosten, oder wie?

Dr. Franke: Wenn ich eine Überversorgung an Ärzten habe, dann bemühen die sich natürlich, möglichst viele Patienten zu kriegen. Und viele Ärzte bedeuten auch viele Verordnungen, etwa Arzneimittel, Heil- und Hilfsmittel. Ein Problem in Deutschland ist zum Beispiel: Wenn ein Arzt ein CT-Gerät (Computertomograph) hat, dann muss das laufen, es muss ausgenutzt werden.

Viele Geräte haben also nichts mit einer besseren Patientenversorgung zu tun?

Dr. Franke: Schauen Sie sich doch an, welcher Arzt am meisten verdient: Es sind diejenigen, die teure Apparate einsetzen, Radiologen, Internisten, Orthopäden. Dagegen Hausärzte, Psychotherapeuten, Haut- und Kinderärzte, die viel sprechen müssen, die verdienen vergleichsweise weniger. Aber immer noch liegt der Durchschnittsverdienst aller niedergelassenen Ärzte bei 165 000 Euro, bei Fachärzten bei 230 000 Euro im Jahr.

Also einfach weg mit den überzähligen Ärzten?

Dr. Franke: So einfach ist das nicht, aber wir müssen umsteuern. Eine ärztliche Überversorgung in Deutschlands schönen Ecken darf nicht dadurch weiter zementiert werden, dass die Praxen quasi vererbt oder verkauft werden. Um das zu verhindern, sollten künftig nur noch befristete Kassenzulassungen ausgesprochen werden. Wenn wir unterversorgte Gebiete, etwa bei uns, besser versorgen wollen, müssen wir gleichzeitig die Überversorgung bekämpfen.

Will das denn die Bundesregierung nicht gerade tun?

Dr. Franke: Die Regierung will zwar den unterversorgten Gebieten helfen und Geld reinpumpen, aber an die Überversorgung in den Zentren nicht ran. Aber da geht die FDP in die völlig falsche Richtung. Besser wäre es, eine auf den Hausarzt zentrierte Versorgung aufzubauen. Der Hausarzt als Lotse, das spart auch Geld.

Wie macht man den Job eines Hausarztes auf dem Land attraktiver?

Dr. Franke: Es stimmt, Hausärzte sind heute im Durchschnitt vergleichsweise alt, man muss Nachfolger finden. Das ist schwierig, weil die Stadt so attraktiv ist. Weil man da deutlich mehr verdienen kann, weil es dort mehr Privatpatienten gibt. Wir können die jungen Leute schließlich nicht aufs Land prügeln. Ein Weg wäre, die Landärzte zum einen besser zu honorieren, gleichzeitig aber für privat Versicherte keine höheren Honorare zuzulassen.

Sie wollen also auch ran an die privat Versicherten und ihre Privilegien?

Dr. Franke: Wir haben doch eine anachronistische Struktur in Deutschland: Zehn Prozent sind Privatpatienten, und das sind im Schnitt die gesündesten und am besten verdienenden Menschen. Sie bezahlen teilweise weniger Beiträge für mehr Leistungen.

Und das wollen Sie ändern?

Dr. Franke: Wir als SPD sagen zu Recht, dass das unfair ist. Wir sind deshalb für eine Bürgerversicherung, wo alle in ein System einbezahlen, eine einheitliche Versorgung für alle, bei der auch die Ärzte genau die selben Honorare kriegen. Jetzt bekommen sie bei Privatversicherten das 2,3- bis 3,5- fache an Honorar für die gleiche Leistung.

Wo liegt der Vorteil einer Bürgerversicherung?

Dr. Franke: Bürgerversicherung bedeutet erstmal Gerechtigkeit. Alle sind versichert, alle zahlen nach den selben Regeln. Jeder wird nach den persönlichen Möglichkeiten herangezogen. Es ist nur fair, dass auch Beamte, Soldaten, Selbständige, Politiker, dass alle in ein System einbezahlen. Deshalb bricht nicht der Sozialismus aus.

Und was wird mit den privaten Versicherungen?

Dr. Franke: Privat kann sich jeder zusätzlich versichern, etwa Einbettzimmer, Zähne, für jeden individuell. Für die aktuellen Versicherungen gäbe es Bestandsschutz.

Quelle: HNA

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