Dubiose Agentur zockt Hinterbliebene ab

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Schwalm-Eder. Mit einem neuen Trick versucht seit kurzem eine Firma aus Schwalbach (Main-Taunus-Kreis), auch im Schwalm-Eder-Kreis bei Hinterbliebenen Kasse zu machen:

Unaufgefordert hatte vor wenigen Tagen Helmut Naumann aus Neukirchen-Riebelsdorf, dessen Frau im Januar verstorben war, ein Schreiben einer „Agentur für Meldepflicht“ erhalten. Darin wurde dem 59-Jährigen angeboten, seine verstorbene Ehefrau gegen eine Gesamtgebühr von 47,42 Euro bei Kreditinformationszentralen wie der Schufa abzumelden. Es ist nach Angaben von Reinhard Giesa, Sprecher der Kriminalpolizei in Homberg, der erste polizeibekannte Fall dieser Art im Schwalm-Eder-Kreis.

Der Trick: Die Firma erweckt mit einem amtlich gestalteten Schreiben den Eindruck, bereits tätig geworden zu sein und somit einen rechtmäßigen Anspruch auf die Gebühr von knapp 50 Euro zu haben – für die gleich ein Überweisungsträger beigefügt ist. Durch die Abmeldung, für die die Agentur eine Abschrift der Sterbeurkunde einfordert, werde einem Daten-Missbrauch vorgebeugt, heißt es in dem Schreiben weiter.

Die Daten des Verstorbenen könnten dann nicht mehr für Waren- oder EC-Kartenbetrug illegal genutzt werden. „Das Angebot ist besonders niederträchtig“, sagt Giesa, denn die Agentur ziele auf die gefühlsmäßige Ausnahmesituation ab, in der sich Trauernde befinden. Die Schufa hat die Agentur für Meldepflicht bereits abgemahnt und weitere rechtliche Schritte angedroht.

 „Das Schreiben ist irreführend und unzulässig“, erklärt Schufa-Sprecher Dr. Christian Seidenabel. Ute Bitter, Juristin bei der Verbraucherzentrale Hessen, rät Betroffenen, Schreiben der Agentur in den Papierkorb zu werfen oder wegen versuchten Betruges Anzeige bei der Polizei zu erstatten. „Auf keinen Fall sollten Trauernde mit einer Überweisung reagieren“, sagt Bitter.

Hintergrund: Neue Masche breitet sich aus

Das dubiose Angebot der „Agentur für Meldepflicht“, im Auftrag von Kreditsicherungsunternehmen Einträge zu löschen, ist seit wenigen Tagen bereits auch aus anderen Landkreisen bekannt: Ein Schreiben der Firma wurde bei der Polizei im sauerländischen Iserlohn zur Anzeige gebracht. Auch in Südhessen ist die Agentur bereits bekannt, berichtet Ute Bitter von der Verbraucherzentrale Hessen. Vor einer Woche warnte auch erstmals die Polizei im benachbarten Landkreis Waldeck-Frankenberg vor der neuen Abzock-Masche. „Keine Zahlungen leisten und an die nächste zuständige Polizeistation wenden“, rät Polizeihauptkommissar Volker König. (jkö)

Tricksen mit der Trauer

 Helmut Naumann warnt vor dubiosem Schreiben – Polizei ermittelt bereits Riebelsdorf.

Helmut Naumann ist traurig und sauer. Traurig, weil seine Ehefrau Erika im Januar nach einem Krebsleiden plötzlich verstarb. Und sauer, weil der Riebelsdörfer mit seinen Kindern nicht in Ruhe den schweren Verlust verarbeiten darf – sondern stattdessen eine dubiose Firma versucht, Kapital aus seiner Trauer zu schlagen. Es war vor zwei Wochen, als Naumanns Sohn Kai das Schreiben einer „Agentur für Meldepflicht“ mit Sitz in Schwalmbach (Main-Taunus-Kreis) aus dem Briefkasten holte.

Darin bot die zweifelhafte Firma unaufgefordert an, die Verstorbene bei drei verschiedenen Kreditinformations- zentralen wie der Schufa abzumelden. Damit werde einem eventuellen Missbrauch der Daten für den Betrug mit EC-Karten oder bei Aboverträgen vorgebeugt.

Für die Inanspruchnahme dieser Dienstleistung werde eine Abschrift der Sterbeurkunde gebraucht – und es falle eine Gesamtgebühr über 47,42 Euro an. Für diesen Betrag ist passenderweise gleich ein vorbereitetes Überweisungsformular beigefügt. Der frühere Kraftfahrer ist über das dreiste Schreiben verärgert. Nicht nur, weil das Angebot überflüssig ist. Sondern auch, weil das Anschreiben offiziell aufgemacht ist und trauernde Angehörige in ihrem emotionalen Ausnahmezustand überrumpelt werden sollen, vermutet der Riebelsdorfer. „Und schlimm ist, dass eine Sterbeurkunde angefordert wird“, sagt der verrentete Kraftfahrer, schließlich sei das ein sensibles Dokument.

Seine Adresse hat die Agentur wahrscheinlich aus der Todesanzeige aus der Tageszeitung oder einem entsprechenden Internet-Portal herausgefiltert, vermutet der 59-Jährige. Von einem Bekannten, der an einem Oberlandesgericht arbeitet, hat Helmut Naumann erfahren, dass das Anschreiben selbst keine Straftat darstellt. Tatsächlich liegt ein Betrug erst dann vor, wenn einer Seite ein Vermögensnachteil entstanden ist. Das heißt: Wenn die fällige Summe tatsächlich überwiesen wird, liegt eine Straftat vor. Dann erst kann die Agentur für Meldepflicht belangt werden. Auf Initiative der Polizei des Märkischen Kreises (Sauerland) ermittelt bereits die dortige Staatsanwaltschaft wegen des Anfangsverdachtes eines Betruges. Dort wurde vor einer Woche ein identisches Schreiben der Agentur für Meldepflicht zur Anzeige gebracht. Auch Helmut Naumann hat gegen die dubiose Firma bei der Polizei Anzeige erstattet. Der 59-Jährige war zwar rechtzeitig misstrauisch, aber das dreist-kalkulierte Schreiben empfindet er als fahrlässige Körperverletzung. Naumann: „Das hat mich psychisch angegriffen.“

Schufa: Abmahnung ist auf dem Weg

Die Schutzgemeinschaft für allgemeine Kreditsicherung, besser bekannt als Schufa, hat bereits auf die dubiosen Schreiben reagiert. Das berichtet auf HNA-Nachfrage Schufa-Sprecher Dr. Christian Seidenabel: „Wir haben die Agentur für Meldepflicht abgemahnt.“

Die Schufa behalte sich rechtliche Schritte vor, wenn die Agentur nicht dem Antrag auf Unterlassung nachkomme und weiterhin den Eindruck erwecke, Dienstleistungen für die Schufa übernehmen zu können, erklärt Seidenabel. Denn die Daten von verstorbenen Personen würden für die Vertragspartner – in der Regel Banken – automatisch gelöscht. Die Schufa-Daten durch die Übersendung einer Sterbeurkunde löschen zu lassen, sei nicht möglich.

Das Angebot der Agentur für Meldepflicht sei nicht nur fragwürdig, sondern auch irreführend und überflüssig. „Genauso gut könnte die Firma zwei Liter Luft verkaufen“, sagt der Schufa-Sprecher.

Informationen speichert die Schufa nicht nur zu Personen, die etwa Kredite platzen lassen: Nach Angaben der Schufa sind insgesamt 440 Millionen Informationen zu 65 Mio. Personen gespeichert, die unbemerkt bei einer Autofinanzierung oder einer Paketbestellung von den Vertragspartnern abgefragt werden. „Viele Verbraucher nehmen das gar nicht wahr“, sagt Dr. Christian Seidenabel. Zu mehr als 90 Prozent der Personen seien aber positive Informationen gespeichert. (jkö)

Quelle: HNA

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