DLRG im Schwalm-Eder-Kreis: Zahl der Schwimmbäder sinkt - Zahl der Badeunfälle steigt 

Alarmierende Zahlen: Immer weniger Kinder können gut schwimmen 

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Hallenbäder wie das in Niedenstein sind wichtige Einrichtungen: Nicht nur als Spaßbad, sondern als Trainingsstätte, in der Menschen das Schwimmen erlernen und trainieren. Das Bild entstand beim Stadtjugendfeuerwehrtag Niedenstein im vorigen Jahr.

Schwalm-Eder. Die Zahl der Badeunfälle im Land steigt immer weiter an: Allein in den ersten sieben Monaten des Jahres sind 280 Menschen in deutschen Gewässern ertrunken – 40 mehr als im vergangenen Jahr.

Für die Deutsche Lebensrettungsgesellschaft (DLRG) sei diese Zahl ein echtes Alarmsignal, sagt Jürgen Elborg, Kreisvorsitzender aus Treysa. Denn die belege das Ergebnis einer Umfrage, die die DLRG zusammen mit dem Forsa-Institut vorgenommen hatte. Deren Fazit: Nur 40 Prozent der heute Zehnjährigen seien sichere Schwimmer. Eine fatale Entwicklung, sagt Elborg. Daran ändere auch die Tatsache nichts, dass die Schwimmkurse der DLRG-Ortsgruppen im Landkreis so gut belegt sind, dass es sogar Wartelisten gibt. 

Doch das sei nur die eine Seite der Medaille: Trotz der zunehmenden Zahl der Badeunglücke drängten längst nicht alle Eltern ihre Kinder dazu, früh das Schwimmen zu erlernen. Außerdem fehlten auch den Schulen oft die Möglichkeiten, den Schülern das Schwimmen beizubringen. „Die Kapazitäten der Hallenbäder im Landkreis sind meist schnell ausgereizt.“ Dennoch verfolge die DLRG nach wie vor ein wichtiges Ziel: „Am Ende der Grundschule sollten alle Kinder schwimmen können.“ 

Die meisten Badeunfälle ereigneten sich an unbewachten Stellen wie Seen und Flüssen. Nicht selten seien Unglücke mit viel Leichtsinn und großer Selbstüberschätzung verbunden, sagt Berthold Köthe von der DLRG Niederbeisheim. Nicht jeder Baggersee eigne sich, um gefahrlos darin zu baden: „Dafür muss man sicher schwimmen können.“ Die Frei- und Hallenbäder trügen als Trainingsstätten dazu bei, diese Sicherheit zu vermitteln, sagt Jürgen Elborg. Er fordert alle Menschen auf, das Schwimmen zu lernen. Das Alter sei dabei gleich, denn „nur wer sicher schwimmen kann, ist im Notfall vorm Ertrinken geschützt.“

Dieses Video ist ein Inhalt der Videoplattform Glomex und wurde nicht von der HNA erstellt.

Jedes zweite Bad hat Sanierungsbedarf 

Die Hessische Landesregierung setzt sich für den Erhalt der Frei- und Hallenbäder ein: Ab 2019 legt sie das 50 Millionen Euro schwere Schwimmbad-Investitions- und Modernisierungsprogramm (SWIM) auf. Damit will das Land die Bedeutung der Bäder sowohl auf dem Land als auch für den Schwimmsport fördern. Ab sofort können Vereine und Badbetreiber eine Förderung beantragen, in den kommenden fünf Jahren stehen jährlich 10 Millionen Euro bereit. 

Ob das Geld aber reicht, ist fraglich: Von den vielen Bädern, die in den 60er- und 70er-Jahren gebaut wurden, um den Gesundheitsgedanken voranzubringen, ist jedes zweite stark sanierungsbedürftig. Die Zahl der Schließungen steigt: Seit 2016 wurden nach Angaben der DLRG bundesweit 37 Freibäder und 80 Hallenbäder aus finanziellen Gründen dicht gemacht.

Schwimmbäder sind Trainingsstätten 

Die Gemeinde Knüllwald hat ein seltenes Privileg: Die Gemeinde hat mit den Einrichtungen in Niederbeisheim und Rengshausen gleich zwei Schwimmbäder. Was sich damals zufällig durch die Gebietsreform ergab – Rengshausen gehörte früher zum Landkreis Hersfeld-Rotenburg –, wird sich heute wohl auch nicht so schnell ändern. In beiden Orten gibt es aktive Fördervereine, in beiden ist die Treue zum Bad groß. „Solange wir uns die beiden Freibäder in irgendeiner Form leisten können, behalten wir sie“, sagt Bürgermeister Jürgen Roth. „In jedem Jahr steigt die Zahl derer, die nicht schwimmen können – da ist jedes Bad wichtig.“

Bernhard Köthe von der DLRG sieht das genauso. Der Niederbeisheimer hat Generationen von Kindern das Schwimmen beigebracht, seit ein paar Jahren steht er vor einer neuen Herausforderung: Viele Flüchtlingskinder hatten noch nie Kontakt mit Wasser, könnten auch nach der Grundschule keine fünf Züge schwimmen. „Lebensgefährlich“ nennt Köthe das. Denn auch beim Plantschen in Seen und Flüssen kann für Nichtschwimmer Lebensgefahr bestehen: „Bei dieser Hitze steigt die Risikobereitschaft, ganz gleich, wie gut oder schlecht die Leute schwimmen können.“

Nicht nur ums Schwimmen, sondern auch ums touristische Angebot geht es der Gemeinde Bad Zwesten. Sie saniert das Bewegungsbad, hat vier Millionen Euro dafür in den Haushalt eingestellt. Alles andere als ein Pappenstiel, doch Dach und Technik müssen saniert werden, genau wie das Becken und die Umkleidekabinen. Dennoch will die Gemeinde nicht auf dieses Angebot verzichten: „Wir sind ein Gesundheitsstandort und legen hohen Wert darauf, gute Angebote machen zu können. Das ist uns das Geld wert,“ sagt Bürgermeister Michael Köhler.

Außerdem: „Kaum ein Bad schreibt schwarze Zahlen, ein kommunales schon gar nicht.“ Das Förderprogramm „Swim“ das das Land Hessen für sanierungsbedürftige Hallenbäder aufgelegt hat, sei keine große Hilfe bei der Sanierung, sagt Bürgermeister Michael Köhler. Das Geld reiche vorne und hinten nicht – dennoch: „Das Bad ist unverzichtbar“, sagt Köhler.

Diesen Satz würde auch der Niedensteiner Bürgermeister Frank Grunewald unterschreiben. Das dortige Bewegungsbad habe einen hohen Stellenwert, sei unverzichtbar fürs Thema Schwimmenlernen. Jede Kindergartengruppe, jede Schulklasse gehe einmal die Woche schwimmen, die Stadt zahlt sogar den Schwimmkurs, wenn ihn Vier- bis Siebenjährige erfolgreich mit dem Seepferdchen abschließen. Das alles kostet die Stadt viel Geld, Niedenstein schießt 200 000 Euro pro Jahr ins Bad, das ist ein klares Bekenntnis. Aber das Bad ist nicht nur eine super Adresse für die, die schwimmen lernen, sondern auch entspannen wollen: Der Saunabereich ist veraltet, soll modernisiert und vielleicht auch aufs Außengelände verlegt werden, sagt Grunewald. Wer genug geschwitzt hat, schmeißt sich dann in die Fluten. Ohne jede Gefahr für Leib und Leben. Weil die Niedensteiner früh lernen, was wichtig ist: Sich im Fall der Fälle selbst gut und sicher über Wasser halten zu können.

Lesen Sie dazu: Die tödlichen Badeunfälle in der Buga - Wie gefährlich ist das Schwimmen im Kasseler See?

Quelle: HNA

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