Mutter und Schwester zurückgelassen 

Gewinn für beide Seiten: Ali aus Afghanistan macht in Obervorschütz Ausbildung zum Müller 

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In der Mühle: Ali Husseini macht eine Ausbildung in der Emsmühle in Obervorschütz eine Ausbildung zum Verfahrenstechnologen in Müllerei und Futtermittelwirtschaft. Mit im Bild sein Chef, Gerd Grüttner.

Obervorschütz. Ali Husseini macht in der Emsmühle in Obervorschütz derzeit eine Ausbildung. Für beide Seiten ist das ein Gewinn. Dass er mal als Müller in Deutschland arbeiten könnte, damit hätte der junge Afghane nicht gerechnet. 

Kfz-Mechaniker wollte Ali Husseini aus Afghanistan eigentlich werden, wie so viele andere junge Menschen. Aber dann bot ihm Gerd Grüttner von der Emsmühle in Obervorschütz eine Ausbildung an: zum Verfahrenstechnologen in Müllerei und Futtermittelwirtschaft, ein Ausbildungsberuf, der in Deutschland selten und daher wenig bekannt ist.

Das ist für beide Seiten ein Gewinn: Zehn Jahre lang hatte Grüttner nach einem Auszubildenden gesucht – und der Ausbildungsvertrag könnte Ali Husseini das vorläufige Bleiberecht in Deutschland sichern.

Ausbildung

Die Ausbildung ist hart für Ali, vor allem die Theorie. Denn der junge Mann durfte in Afghanistan nur drei Jahre zur Schule gehen, weil er der Volksgruppe der Hazara angehört, einer Minderheit im Land. Aber er will es schaffen, Unterstützung holt er sich zum Beispiel durch Nachhilfe in Mathe. Den ersten Berufsschulblock an einem Internat in Gifhorn/Niedersachsen hat er bereits hinter sich. „Das war schwer, aber es geht schon.“

Ali ist ein zurückhaltender junger Mann, höflich und freundlich. An der Felsberger Drei-Burgen-Schule, wo er bis zum Ausbildungsbeginn die Kickbox-AG leitete, war er sehr beliebt. Jetzt wirkt er in sich gekehrt und traurig. Sein Betreuer und Freund, Andreas Hesse, weiß warum.

Familie

Seine Mutter und seine kleine Schwester hat Ali in Afghanistan zurückgelassen. Wie es ihnen geht, ob sie noch leben – er weiß es nicht. Ali Husseini hat nur Kontakt zu einem Onkel, dem Bruder seines verstorbenen Vaters. Und der terrorisiert den 19-Jährigen, berichtet Andreas Hesse: „Ali wird bald jeden Tag von seinem Onkel angerufen, der ihn beleidigt und sein Geld zurück will.“ Ali hatte sich auf der Flucht an seinen Onkel gewandt, der damals in der Türkei eine Autowerkstatt betrieben hatte. Dieser hatte ihm 8000 Dollar gegeben, für den langen Weg nach Deutschland. Mittlerweile ist der Onkel wieder nach Afghanistan zurückgekehrt und fordert das Geld zurück – vehement.

„Das belastet Ali seelisch massiv“, sagt Freund Andreas Hesse. Manchmal schläft Ali nächtelang nicht, weil er grübelt, wie er das Geld aufbringen soll. Von seinem Lehrgehalt, 420 Euro netto, kann er es kaum abstottern.

„Er ist in letzter Zeit oft nicht richtig bei der Sache“, sagt sein Chef Gerd Grüttner, „aber Ali braucht einen freien Kopf, um die Ausbildung zu schaffen.“ Klar sei, dass Ali mit einer abgeschlossenen Ausbildung sehr gute Job-Chancen habe.

Integration

Zum Glück hat Ali den Sport: Er macht mit beim Lauftraining und Volleyball in Gudensberg. Und beim Boxen hat er sich auch angemeldet. Leider wird kein Kickboxen angeboten, denn darin ist Ali sehr gut.

Der Sport soll ihm bei der Integration helfen. Denn mit seiner Ausbildung kam auch der Umzug von Melsungen nach Gudensberg. In Melsungen lebte er in einer WG mit zwei jungen Männern, ebenfalls Flüchtlingen. In Gudensberg wohnt er im Haus einer deutschen Familie. Dort hat er ein Zimmer mit Bad, die Küche teilen sie sich. „So hat Ali Familienanschluss und kann noch mehr kommunizieren“, sagt Andreas Hesse.

Ein Gesprächsthema ist immer wieder das Essen. Ali liebt scharfes Essen, seine Mitbewohner mögen das nicht so gern. In Gudensberg ist er seiner Lieblingsmannschaft viel näher als in Afghanistan. Stehen Spiele an, geht er mit Freund Andreas Hesse in eine Sportkneipe. In Afghanistan hatte er die Bayern-Spiele und seinen Lieblingsspieler Arjen Robben nur manchmal gesehen – „wir hatten nicht so oft Strom.“

Quelle: HNA

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